Sonderbehandlung

Holzschild Elternberatung

Oft sind es die Eltern, die Beratung brauchen. © Dirk Vorderstraße under cc

Nachdem in den 1980ern bis etwa Ende der 1990er neben der multiplen Persönlichkeit, die auf einmal viel häufiger war als gewöhnlich diagnostiziert wurde, der Missbrauch stand, manchmal eben auch einer, der iatrogen induziert oder selbst angelesen war, flachte zu Beginn des neuen Jahrtausends eine neue Welle der Überaufmerksamkeit heischenden Diagnosen auf. Die Hochbegabung. Auf einmal musste jedes Kind hochbegabt sein und wenn die Schulleistung nicht gut war, war die erste Erklärung dafür, dass es sich nur um eine Hochbegabung handeln könne. Tatsächlich sind hochbegabte Kinder oftmals schwierig und sogar schlecht in der Schule, aber der Umkehrschluss, dass hinter einer Lernschwäche dieser oder jeder Art nun zwingend Hochbegabung als Ursache stehen müsse, ist grundfalsch, was schon daran erkennbar wird, dass immer nur sehr wenige hochbegabt sind.

Ein ganzer Markt hat sich darauf spezialisiert hochbegabte Kinder zu erkennen und zu fördern, doch inzwischen ebbt auch diese Welle wieder etwas ab, etwas überspitzt gesagt kam dann der Autismus in Mode. Auch hier waren Tests, Aufmerksamkeit und Sonderbehandlung gesichert, was wiederum nicht heißen soll, dass es keine Autisten gibt (vor allem die vom gut organisierten Asperger Typ mit sehr hoher Intelligenz sind die, die besonders zunehmen) und ein Wissen darüber, wie man mit ihnen umgeht, sehr hilfreich für alle Beteiligten sein kann, nur sollte man bei Modeerscheinungen kritischer sein.

Aus der teilbegabt, hochbegabt, inselbegabt, indigo und irgendwie in Ansätzen autistisch Mischung ist etwas Neues entsprungen, die Hypersensibilität. Den Hypersensiblen ist schnell alles zu viel, zumindest aber manche Eindrücke des normalen Alltages, unter dehnen andere nicht oder weniger leiden. Gerüche, Geräusche, was auch immer und auch hier gibt es wieder die Mischung zwischen einer echten Erkenntnis einer Seinsart und einer vielleicht sogar größeren Menge von Trittbrettfahrern, die vor allem viel Aufmerksamkeit brauchen.

Ich meine das nicht herablassend, sondern will darauf aufmerksam machen, dass das nicht selten Menschen sind, die ihre eigene Problematik verleugnen und denen darum nicht geholfen werden kann. Die Tatsache, dass sie Aufmerksamkeit bekommen hilft ihnen nicht bei ihren Symptomen, auch wenn sie sich kurzfristig im Fokus der Beachtung wohl fühlen, nicht selten, weil sie meinen, dass ihnen genau das zusteht.

Wie sensibel sollte man sein?

Dabei ist die Frage, ob und inwieweit man das kultivieren sollte. Wer sich auf irgend einen Bereich des Lebens konzentriert, wird in diesem sensibler, einfach durch Training. Ob man 10 Jahre Geige spielt, Kranke pflegt oder Hypochonder ist, man wird auf seinem Gebiet besser, differenzierter und eben auch sensibler, das geht bis in der neuroanatomische Nachweisbarkeit.

Nun ist die Frage, wie man darauf reagieren sollte. Es gibt zwei Möglichkeiten. Zum einen, man kultiviert den Exoten in sich. Das ist der mehr oder minder bewusste Schritt raus der Norm, in eine eigene Welt. Man wird dann zum Exzentriker, aber, wie in dem Artikel über dieselben dargestellt, gibt es eine sehr selbst- und weltzufriedene Spezies unter ihnen. Liebenswerte Sonderlinge, die in ihrer eigenen Welt angekommen und glücklich sind und mit den Angeboten und Verlockungen der Welt nicht viel anfangen können oder wollen. Daran kann man auch erkennen, ob man zum begabten Sonderling taugt, der Indikator ist das eigene Glücksempfinden und es ist denkbar und wünschenswert, dass die echten Hypersensiblen, die wenigen, die es geben wird, ihre Nische in der Welt finden oder eine neue kreieren. Auf Lob und Anerkennung von anderen sind diese Menschen oft gar nicht wild, auch missionieren sie selbst die anderen nicht.

Anders ist es bei den Trittbrettfahrern, die vermutlich eher unbewusst als absichtlich in all den Angeboten des Besonderen Mittel sehen um ihren gefühlten Sonderstatus, ihren Wunsch nach Lob und Anerkennung, bei der kuriosen Unfähigkeit sie zu wertschätzen, zu unterstreichen. Das Problem ist aber, dass sie als Trittbrettfahrer hier nie eine echte Heimat finden, sie verachten nur das Durchschnittliche. Vor allem das Durchschnittliche in sich ist es, was sie nicht ertragen können, wenn sie auf einmal konfrontieren müssen, dass sie in vielen Bereichen wie alle anderen sind, kränkt sie das außerordentlich.

Ihnen wäre dennoch zu raten, sich der normalen Welt und ihren Anforderungen zu stellen von der viele von ihnen vermutlich unterm Strich mehr profitieren, als in dem irgendwann krampfigen Versuch besonders zu erscheinen, wenn man es nicht ist. Denn wer sich von der Normalität entfernt, es aber nicht schafft sich eine kleine Insel der Glückseligkeit zu schaffen, der leidet. Zu Beginn mag das alles noch kompensiert werden können, weil man sich, durch das ewige Lob aufplustert und entweder wirklich oder kompensatorisch überzeugt ist, eine große Nummer zu sein. Doch mit der Zeit fällt das Kartenhaus in sich zusammen, die Umgebung kennt die Masche und auch die Schuldzuschreibungen an andere, wenn es wieder nicht klappte, weil die anderen einfach nicht einsehen wollten, wie genial man doch ist.

Damit sind wir wieder dort, wo unsere kleine Reise begann. Immer noch sensibler zu werden ist nicht unbedingt der richtige Weg. Man muss sich auch abgrenzen können, sich trauen, sich ein Stück vom Kuchen zu nehmen und auch mal die Rollläden herunter lassen. Auch das lernen die Kinder nämlich von ihren Eltern, dass auch mal Pause ist, dass man privat ist, dass man nicht wegen allem die Ruhe verliert. Wer meint er sei bereits perfekt und alle Welt müsse ihn lieben, erkennt nicht, dass das oft nicht der Fall ist und bekommt spätestens dann reale Probleme, wenn es Tausende andere mit demselben Anspruch gibt. Und die gibt es. Es sind die unrealistisch großgelobten Kinder. In einer Welt in der immer kleine Könige und Prinzessinnen und immer weniger Bewunderer und Dienstmägde buhlen bekommt derjenige der andere noch sieht und schätzen kann, einen sonderbaren Vorteil, weil er einfach nur normal ist.

Quellen: