Das Verhältnis von Freundlichkeit und Aggression

zwei Arbeiter, Blaumann. Amboß

Arbeit bringt neben Geld auch Selbstsicherheit. © dedijiv under cc

In unserer Reihe über Perversionen und Paraphilien wiesen wir auf die Bedeutung des Verhältnisses zwischen Liebe und Aggression hin. Kurz und knapp: Wenn die Aggression im Dienst der Liebe steht, ist alles in Ordnung, steht die Liebe im Dienst der Aggression, wird es äußerst problematisch bis gefährlich. Bei Menschen mit Ich-Schwäche wiederholt sich das noch einmal auf der Ebene sozialer Beziehungen. Sie leben in einer unfreundlichen bis feindlichen Welt, die sie mit Misstrauen und / oder Entwertung betrachten. Der andere ist zunächst einmal immer jemand, der es nicht gut mit mir meint. Sehr selten und langsam kann man sie überzeugen, dass der andere auch wohlmeinend sein könnte (jedoch ist bei nur einem Fehltritt alles aus und vorbei), denn das haben sie so nie erfahren und wenn, dann interpretieren sie es um, etwa in der Weise, dass der andere nur nett ist, um selbst Vorteile zu bekommen.

Um jemand zu sein, muss man „nur“ jemand sein, der halbwegs verlässlich ist – und da ist es besser, klar zu sagen, dass und warum man nicht kann oder will – und der Welt unterstellt man erst einmal, bis zum Beweis des Gegenteils, freundlich zu sein. Vielleicht desinteressiert, manchmal auch aggressiv, aber die meisten Begegnungen klappen recht gut und sind neutral bis freundlich. Sich einem anderen anzuvertrauen, bedeutet auch für diesen eine Aufwertung: Da vertraut mir jemand. Man hat es also selbst auch in der Hand, Beziehungen zu normalisieren. All das klappt nicht so toll bei ich-schwachen Menschen, aber dort geht die Reise hin und es ist nicht falsch, wenn man das Ziel im Blick hat und versteht, warum es ein Ziel ist. Es geht um Normalität und darum jemand zu sein, im besten Sinne. Dazu gehört auch, dass man anderen etwas zumuten darf. Dann stellen sich Beziehungen auf Augenhöhe automatisch und immer mehr ein. Man bekommt dann oft auch etwas zurück und erfährt mehr vom anderen.

Tugenden

Es sind zu einem großen Teil diese Tugenden, die uns heute abhanden gekommen sind und die so viel reparieren könnten. Gesellschaftlich, aber eben auch ganz individuell. Dazu gehört auch eine gewisse Ausdauer und das, was Psychologen Frustrationstoleranz nennen. Sich nicht sofort, von einem einmaligen Missgeschick, entmutigen lassen. Menschen mit Ich-Schwäche sind schnell zu begeistern, werfen dann aber ebenso schnell alles hin, wenn es nicht wie am Schnürchen läuft.

Abhaken, weiter machen, lautet die Devise. Denn hier hat man die Wahl. Klagt und jammert man, wie schlecht die Welt doch ist (hat man es nicht immer gewusst?) oder zieht man dieses eine Mal durch? Dennoch. Trotzdem. Ich-Stärke heißt zu wissen, dass man immer eine Wahl hat. Mit Ausdauer und Verlässlichkeit erzielt man einen doppelten Effekt. Man beweist sich und den anderen, dass man etwas durchhält.

Das gilt auch für Beziehungen. Viele scheitern daran, dass der Sturm der Begeisterung anfangs groß ist und dann ist bei der ersten Krise alles aus. War wohl doch nicht die große Liebe, sonst hätte es ja keinen Konflikt gegeben. Dabei schweißen gerade erlebte Höhen und Tiefen zusammen. Man weiß nun, dass man sich aufeinander verlassen kann, auch wenn die Sonne mal nicht scheint. Das sind keinen Sonntagsreden, aber etwas, was man irgendwann mal erleben muss. Selbst wenn die Türen knallen und man raus stürmt, wie es dann weiter geht, ist entscheidend.

Den anderen anders sein lassen

Das ist das Hauptproblem ich-schwacher Menschen. Die Starken sind in all ihrer Grandiosität so begeistert von sich (oder eher: ihrem Idealbild), dass sie alle Welt ihrem Ideal gleich machen wollen. Kurz gesagt, die Welt wäre perfekt, wenn alle so wären wie ich. Das ist auch eine Art Symmetrie, aber eine, bei der man sich eigentlich nicht mehr austauschen müsste. Man nickt sich wissend zu, das war es. Und der andere ist dann kein anderer mehr, sondern mein Zwilling.

Spannung kommt immer mit einer anderen Perspektive hinein, aber anders bedeutet aus der Sicht (nicht nur) ich-schwacher Menschen, dass einer sich irren muss. Für die Starken ist klar, wer das ist, die anderen. Man selbst irrt sich nicht, allenfalls bei Bagatellen und um die hat man keinen Wind zu machen. Widerspruch ist immer ein Affront und löst Wut aus. Einzig, wenn ein idealisierter Mensch einem widerspricht, wird es eng. Entweder muss auch er entwertet werden oder man muss sich geschmeidig anpassen.

Doch all das vergrößert nur die Kluft zwischen Realismus und Idealisierung und was gerade starke, narzisstische Ich-Schwache lernen müssen ist, den anderen so zu akzeptieren wie er ist und das heißt an erster Stelle überhaupt zu erkennen, wie er ist. Liebe ist die Kraft, die es schafft, dass das Andere auf einmal interessant wird. Wenigstens das. Sie ist ein Tor, aber nicht immer kann man auch durchgehen, oft werden Beziehungen instrumentalisiert und alles ist ziemlich schrecklich, weil die Starken von ihren Selbstidealisierungen nicht lassen können und versuchen, den anderen sich selbst gleich zu machen. Dass ein anderer Ansatz, die Welt zu erleben, auch das Gegenüber richtig und individuell passend sein könnte, und für sie selbst ergänzend und den Horizont erweiternd, geht ihnen nicht auf.

Und dennoch hat fast jede Medaille ihre zwei Seiten, auch diese:

Was wir von Narzissten lernen können: Die richtige Dosis Idealisierung

Die Regulation der Idealisierung ist vermutlich das größte Opfer, das man auf dem Weg zur Ich-Stärke zu bringen hat. Ich teile die Idee, dass die Ich-Schwäche sehr häufig der Ausgangspunkt für eine kompensatorische Ich-Stärke ist, die nicht nur grandios ist, wie neuere Studien zu belegen scheinen. Schon aus dem einfachen Grund, weil ich beide Varianten, die Starken und die Schwachen, aus eigener Anschauung kenne. Aber so oder so, der Narzisst, der in einer Welt von vielen Selbst-, aber immer wieder auch Fremdidealisierungen (und solchen, der Idealisierung besonderer Momente), lebt, weiß, was er da hat. Kompensatorisch oder nicht, es ist mindestens die Vision einer perfekten Welt, ganz nahe an einem, freilich oft selbst konstruierten, Ideal.

Narzissten wissen wie das geht, sie kennen den Glanz und die Verlockungen dieser immer auch besonderen und erhabenen Welt und diese Fähigkeit zur Idealisierung soll nun herunter gedimmt werden. Das ist eine der Hilfen auf dem Weg zur Ich-Stärke. Die Welt ist danach nie wieder so großartig und dieses Opfer tut weh. Darum ist die Frage, warum man sich das eigentlich antun soll, für den Narzissten durchaus realistisch. Denn die normale Welt, in die er nun eingefädelt werden soll, ist alles andere als verlockend für ihn, sie ist genau das, wovor er immer geflüchtet ist, mehr noch, sie ist das, was er immer verachtet hat.

Aber man kann von Narzissten etwas über den Wert der Ideale lernen. Eine idealisierte Welt ist für sie verlockender als die reale Welt. Ideale zu haben ist ein Wert an sich, das vergessen wir heute oft. Für Menschen mit starken Idealen ist ein notwendiges Herunterdimmen derselben wie eine Wanderung durch die Wüste. Bevor man sich in der Welt wohl und zu Hause fühlt, kommt es nicht selten zu einem Abstumpfen der Begeisterung, zu einem Leben, das irgendwie seinen Glanz verloren hat.

Aus Schwächen werden Stärken

Eine eigene Welt zu kreieren und sich in ihr auch noch wohler fühlen zu können als in der Realität, ist eine Leistung, die man bewundern kann. Wenn dies eine kompensatorische Welt ist umso mehr. Denn es zeigt und lehrt uns, dass man aus Schwächen Stärken machen kann. Narzissten und Starke, beide fallen aber weitgehend zusammen, nehmen sich einfach einige Teilbereiche der Welt und erklären sie zu den allerwichtigsten. Und das klappt in der Regel sogar, nur dass andere mit dieser Sicht ihre Probleme haben und es so zu zwischenmenschlichen Verzerrungen kommt.

Aber Teilbereiche oder sogar Schwächen können zu Stärken werden. Das kann man in der Evolution immer und immer wieder beobachten. Werden Arten oder Individuen in die Enge getrieben, werden aus vermeintlichen Schwächen auf einmal Stärken und man bricht in völlig neue Bereiche auf. Narzissten oft in den Bereich einer phantastischen Überhöhung der eigenen Fähigkeiten und Großartigkeit, der an der Realität oft platzt und daher immer komplizierter nachjustiert werden muss (die anderen erkennen dann nur nicht, wen sie da vor sich haben), aber die Bedeutung einer kraftvollen und phantastischen eigenen Innenwelt kann man hier erkennen.