Menschen vor Almhütte

Ziel erreicht und mit sich und der Welt zufrieden. © Mahmut under cc

Ich-Schwäche in Ich-Stärke umzuwandeln ist alles andere als aussichtslos und Hilfen auf dem Weg zur Ich-Stärke gibt es haufenweise. Die Chancen stehen vor allem dann gut, wenn der Einzelne motiviert ist, doch der Motivation steht ein Beharrungsvermögen der Psyche gegenüber, davon handelte der vorherige Teil dieser Serie. Damit man überhaupt etwas ändern will, sind zwei Faktoren hilfreich: der sogenannte Leidensdruck, den Freud schon als Hauptmotivation ansah. Wenn man sich ganz gut eingerichtet hat, gibt es immer wieder Fenster der Einsicht, die sich von Zeit zu Zeit öffnen und wenn man durch sie schaut, kommt es manchmal zu einer schockartigen Erkenntnis. Auch dieser Schock kann sehr heilsam sein, wir gehen später darauf ein.

Die Terminologie der Starken und Schwachen behalten wir bei, gemeint sind zwei polare Aspekte der Ausprägung, in der uns die Ich-Schwäche begegnen kann, ausführlich vorgestellt im ersten Teil der Serie.

Ich-Identität

Die Ich-Identität ist einer der zentralen Begriffe und Bausteine bei unserem Thema. Die Ich-Identität hat zwei Seiten: eine äußere, objektive, messbare und eine innere, fühlbare. Die äußere Seite ist wichtig, weil man an dieser Fortschritte objektiv darstellen kann, doch noch entscheidender ist die innere Seite, die dem Erlebenden unmittelbar zeigt, wie es sich anfühlt mehr Ich-Stärke zu besitzen. Es ist kein Gefühl kraftstrotzender Überlegenheit, die sich triumphal und unbesiegbar anfühlt, das sind die Erfahrungen und Erlebniswelten der Starken. Nein, Ich-Stärke heißt vor allem, dass man sich in der Welt zunehmend wohler und immer mehr zu Hause fühlt. Man ist nicht mehr umzingelt von Feinden und Menschen, die einem Übles wollen und gegen die man sich durchsetzen oder vor denen man sich rechtfertigen muss, sondern man lebt in einer an sich freundlichen und guten Welt. Nicht naiv, man weiß durchaus, dass es gefährliche und bösartige Menschen sowie reale Probleme gibt, aber dies sind eher dunkle Flecken in einer an sich immer lichteren Welt.

Das Gefühl, sich wohl und geborgen zu fühlen, ist bei Menschen mit Ich-Schwäche, seien sie stark, schwach oder irgendwo dazwischen, oft gar nicht vorhanden. Sie kennen es einfach nicht und halten demzufolge das Wohlgefühl der anderen für Leichtfertigkeit, Naivität oder sind, was es auch nicht besser macht, neidisch und daher oft gezwungen, die schöne Welt der anderen durch Entwertung zu zerstören. Doch nun wollen wir den Blick auf die echte Ich-Stärke richten.

Ein früherer Beitrag beschäftigte sich mit dem diagnostischen Hauptkriterium der Ich-Schwäche, der Identitätsdiffusion. Dies markiert die objektive Seite der Geschichte. Eine Identitätsdiffusion liegt vor, wenn man kein kohärentes, also in sich stimmiges und geschlossenes, Bild von entweder sich selbst und / oder anderen Menschen skizzieren kann, die im eigenen Leben eine bedeutende Rolle spielen. „Gemessen“ wird ganz einfach, in dem man jemanden bittet, sich selbst und dann einige, wichtige andere Personen zu beschreiben.

Es gibt dabei einige Unterschiede, so können die eher Schwachen andere Menschen manchmal fast hellsichtig (wenn auch nur in Teilbereichen) beschreiben, aber sie haben größte Schwierigkeiten sich selbst zu beschrieben. Wer sie sind, was sie mögen, ängstigt, ihre Träume, Wünsche, Absichten, Beziehungen, wie ein typischer Tag aussieht. Andere, oft die Starken, können sich selbst in allen Feinheiten beschreiben (oft freilich idealisiert), aber sind komplett unfähig, andere Menschen zu beschreiben, mit denen sie seit Jahren oder Jahrzehnten eng vertraut sind. Beiden gemeinsam ist die Unfähigkeit, sich und andere in Tiefe zu beschreiben.

Wo Innen und Außen sich begegnen

Es gibt eine Brücke, auf der sich Innen und Außen begegnen: Beziehungen. Sie und ihre Qualität werden bei der Klärung der Ich-Identität in den Blick genommen. Ist man selbst ungeheuer groß und wichtig, sind die anderen klein und unbedeutend und die Beziehung asymmetrisch. Ist man selbst klitzeklein, erscheinen die anderen riesig und allmächtig und wieder liegt eine Asymmetrie vor. Beides ist unbefriedigend. Sicht selbst permanent überlegen zu fühlen, ist öde und langweilig. Weshalb die Starken, die oft sehr unter Langeweile leiden, auch immer wieder versuchen, wenigstens einige andere zu idealisieren, um mal dann und wann von Genie zu Genie zu sprechen, besser noch sich wortlos, in einigen dezenten Hinweisen andeutend, wechselseitig zu versichern, dass man „die Menschen“ vollkommen durchschaut hat und Meilen über den anderen steht. Eine Kommunikation von Gipfel zu Gipfel in wissendem Einverständnis. Auch in der Liebe kommt das vor, siehe Narzissmus in der Liebe.

Gesunde Beziehungen sind immer solche auf Augenhöhe, doch mit der Augenhöhe haben ich-schwache Menschen so ihre Probleme, denn die einen machen sich kleiner als sie sind, die anderen größer. Hilfen auf dem Weg zur Ich-Stärke funktionieren ganz wesentlich über die Festigung stabiler und realistischer Beziehungen.

Ich-Stärke bedeutet also beides: Erstens, jemand zu sein und zweitens, den anderen jemanden sein zu lassen. Ihn so zu sehen und zu lassen, wie er gerade ist. Damit haben ich-schwache Menschen gewaltige Probleme.

Jemand sein

Um selbst jemand zu sein, der anderen Menschen auf Augenhöhe begegnen kann, braucht es nicht viel. Es sind eher wenige Tugenden, die wohlmeinende und normale Menschen vom anderen erwarten: Verlässlichkeit und Freundlichkeit. Vertrauen, Offenheit und Ehrlichkeit. Normale Menschen sind halbwegs wohlmeinend. Oft natürlich in ihrem eigenen Film, aber das zu wissen, ist gut und wichtig. Die turmhohe Bedeutung, die Ich-Schwache etwaigen eigenen Fehlern zumessen, teilen normale Menschen nicht. Fehler anderer haben die meisten Menschen schnell wieder vergessen, wenn sie sie überhaupt bemerken. Sie haben Wichtigeres zu tun, in einem Alltag, in dem sie funktionieren müssen und selbst Klatsch und Tratsch sind oft nicht so bösartig, wie es ich-schwache Menschen meinen. Doch die Assoziationsmaschine der Ich-Schwachen rattert unablässig, weil sie andere verzerrt sehen.

Die Starken meinen, wenn sie mal einen Fehler begehen oder jemand sie kritisiert, dass die Welt schon ewig gewartet hat, um endlich über sie herfallen zu können. Denn in der Welt der Raubtiere sind die anderen Feinde, entweder Wölfe oder Wölfe im Schafspelz, neben ein paar unwichtigen Naivlingen, die nicht verstanden haben, wie das alles tatsächlich funktioniert. Es gibt nur Sieg oder Niederlage. Die Schwachen fühlen sich umzingelt von Menschen, die viel stärker sind als sie und damit bedrohlich. Sie sind abhängig von der Hilfe anderer und eben in der chronischen Angst, die Hilfe könnte ihnen entzogen werden. Beide haben ihre Gründe, die Welt so zu sehen, das sucht man sich nicht aus, man hat es in der Regel genau so erlebt, dass die Beziehungen in der Welt asymmetrisch sind und eine andere Möglichkeit auch nicht existiert.

Menschen mit normaler Ich-Stärke sind keine Supermänner und -frauen, sie haben nur eine andere Vorstellung von Welt, weil sie es ebenfalls so erlebt haben. Niemand erwartet vom anderen Besonderes, oft noch nicht einmal in der Liebe. Aber Verlässlichkeit und Ehrlichkeit sind starke Punkte. Die Ehrlichkeit muss keine peinliche Selbstentblößung sein, es geht nur darum, dass der andere verstehen kann, was mit einem los ist. Wenn man sich nahe genug ist, hat man ein Interesse am anderen und an dessen Wohlergehen. Ist man sich nicht nahe, sinkt das Interesse, aber es kippt nicht in Bösartigkeit, der andere ist dann einfach nicht wichtig und man redet gar nicht über ihn.

Ich-schwache Menschen glauben das nicht und phantasieren sich die Welt aus ihrer Sicht zusammen. Wenn ich mich nicht bereit erkläre die Blumen zu gießen, wenn der andere im Urlaub ist, wird er maßlos enttäuscht sein und zudem noch über mich herziehen. Die Freundschaft wird gekündigt oder hat zumindest einen schweren Schatten, so ungefähr hüpfen die Gedanken und wenn man dem anderen erklärt, was los ist, warum man das nicht kann, wird alles nur noch schlimmer: entweder er hält es für eine dumme Ausrede und verachtet mich, für meine lächerliche Schwäche.

Nur fragen wird man den anderen nicht, oder sich erklären, denn man weiß ja selbst sehr genau, was das Ergebnis ist. Vielleicht sagt der andere sogar: „Okay, macht gar nichts, frage ich halt jemand anderen“, aber in Wirklichkeit wird er natürlich ganz anders empfinden, nämlich total sauer sein und das nur nicht sagen, weil er gut erzogen ist, oder sich aus dem gleichen Grund innerlich kaputtlachen. Das ist die projektive Identifikation, die wir bei Ich-Schwäche überwiegend finden.

Man schützt sich so vor der Erfahrung der konstruktiven Enttäuschung, denn unter Umständen wird der andere sogar sagen: „Ach Mensch, das wusste ich ja gar nicht, erzähl mal.“ Und auf einmal ist man auf Augenhöhe, ist man jemand. Der andere meint mich. Doch dass von der anderen Seite Interesse oder Mitgefühl kommen könnte, ist nicht vorgesehen. Das wirkt zu fremd und zudem will man seine eigene Weltsicht schützen, selbst dann, wenn man unter ihr leidet.

Das Verhältnis von Freundlichkeit und Aggression

zwei Arbeiter, Blaumann. Amboß

Arbeit bringt neben Geld auch Selbstsicherheit. © dedijiv under cc

In unserer Reihe über Perversionen und Paraphilien wiesen wir auf die Bedeutung des Verhältnisses zwischen Liebe und Aggression hin. Kurz und knapp: Wenn die Aggression im Dienst der Liebe steht, ist alles in Ordnung, steht die Liebe im Dienst der Aggression, wird es äußerst problematisch bis gefährlich. Bei Menschen mit Ich-Schwäche wiederholt sich das noch einmal auf der Ebene sozialer Beziehungen. Sie leben in einer unfreundlichen bis feindlichen Welt, die sie mit Misstrauen und / oder Entwertung betrachten. Der andere ist zunächst einmal immer jemand, der es nicht gut mit mir meint. Sehr selten und langsam kann man sie überzeugen, dass der andere auch wohlmeinend sein könnte (jedoch ist bei nur einem Fehltritt alles aus und vorbei), denn das haben sie so nie erfahren und wenn, dann interpretieren sie es um, etwa in der Weise, dass der andere nur nett ist, um selbst Vorteile zu bekommen.

Um jemand zu sein, muss man „nur“ jemand sein, der halbwegs verlässlich ist – und da ist es besser, klar zu sagen, dass und warum man nicht kann oder will – und der Welt unterstellt man erst einmal, bis zum Beweis des Gegenteils, freundlich zu sein. Vielleicht desinteressiert, manchmal auch aggressiv, aber die meisten Begegnungen klappen recht gut und sind neutral bis freundlich. Sich einem anderen anzuvertrauen, bedeutet auch für diesen eine Aufwertung: Da vertraut mir jemand. Man hat es also selbst auch in der Hand, Beziehungen zu normalisieren. All das klappt nicht so toll bei ich-schwachen Menschen, aber dort geht die Reise hin und es ist nicht falsch, wenn man das Ziel im Blick hat und versteht, warum es ein Ziel ist. Es geht um Normalität und darum jemand zu sein, im besten Sinne. Dazu gehört auch, dass man anderen etwas zumuten darf. Dann stellen sich Beziehungen auf Augenhöhe automatisch und immer mehr ein. Man bekommt dann oft auch etwas zurück und erfährt mehr vom anderen.

Tugenden

Es sind zu einem großen Teil diese Tugenden, die uns heute abhanden gekommen sind und die so viel reparieren könnten. Gesellschaftlich, aber eben auch ganz individuell. Dazu gehört auch eine gewisse Ausdauer und das, was Psychologen Frustrationstoleranz nennen. Sich nicht sofort, von einem einmaligen Missgeschick, entmutigen lassen. Menschen mit Ich-Schwäche sind schnell zu begeistern, werfen dann aber ebenso schnell alles hin, wenn es nicht wie am Schnürchen läuft.

Abhaken, weiter machen, lautet die Devise. Denn hier hat man die Wahl. Klagt und jammert man, wie schlecht die Welt doch ist (hat man es nicht immer gewusst?) oder zieht man dieses eine Mal durch? Dennoch. Trotzdem. Ich-Stärke heißt zu wissen, dass man immer eine Wahl hat. Mit Ausdauer und Verlässlichkeit erzielt man einen doppelten Effekt. Man beweist sich und den anderen, dass man etwas durchhält.

Das gilt auch für Beziehungen. Viele scheitern daran, dass der Sturm der Begeisterung anfangs groß ist und dann ist bei der ersten Krise alles aus. War wohl doch nicht die große Liebe, sonst hätte es ja keinen Konflikt gegeben. Dabei schweißen gerade erlebte Höhen und Tiefen zusammen. Man weiß nun, dass man sich aufeinander verlassen kann, auch wenn die Sonne mal nicht scheint. Das sind keinen Sonntagsreden, aber etwas, was man irgendwann mal erleben muss. Selbst wenn die Türen knallen und man raus stürmt, wie es dann weiter geht, ist entscheidend.

Den anderen anders sein lassen

Das ist das Hauptproblem ich-schwacher Menschen. Die Starken sind in all ihrer Grandiosität so begeistert von sich (oder eher: ihrem Idealbild), dass sie alle Welt ihrem Ideal gleich machen wollen. Kurz gesagt, die Welt wäre perfekt, wenn alle so wären wie ich. Das ist auch eine Art Symmetrie, aber eine, bei der man sich eigentlich nicht mehr austauschen müsste. Man nickt sich wissend zu, das war es. Und der andere ist dann kein anderer mehr, sondern mein Zwilling.

Spannung kommt immer mit einer anderen Perspektive hinein, aber anders bedeutet aus der Sicht (nicht nur) ich-schwacher Menschen, dass einer sich irren muss. Für die Starken ist klar, wer das ist, die anderen. Man selbst irrt sich nicht, allenfalls bei Bagatellen und um die hat man keinen Wind zu machen. Widerspruch ist immer ein Affront und löst Wut aus. Einzig, wenn ein idealisierter Mensch einem widerspricht, wird es eng. Entweder muss auch er entwertet werden oder man muss sich geschmeidig anpassen.

Doch all das vergrößert nur die Kluft zwischen Realismus und Idealisierung und was gerade starke, narzisstische Ich-Schwache lernen müssen ist, den anderen so zu akzeptieren wie er ist und das heißt an erster Stelle überhaupt zu erkennen, wie er ist. Liebe ist die Kraft, die es schafft, dass das Andere auf einmal interessant wird. Wenigstens das. Sie ist ein Tor, aber nicht immer kann man auch durchgehen, oft werden Beziehungen instrumentalisiert und alles ist ziemlich schrecklich, weil die Starken von ihren Selbstidealisierungen nicht lassen können und versuchen, den anderen sich selbst gleich zu machen. Dass ein anderer Ansatz, die Welt zu erleben, auch das Gegenüber richtig und individuell passend sein könnte, und für sie selbst ergänzend und den Horizont erweiternd, geht ihnen nicht auf.

Und dennoch hat fast jede Medaille ihre zwei Seiten, auch diese:

Was wir von Narzissten lernen können: Die richtige Dosis Idealisierung

Die Regulation der Idealisierung ist vermutlich das größte Opfer, das man auf dem Weg zur Ich-Stärke zu bringen hat. Ich teile die Idee, dass die Ich-Schwäche sehr häufig der Ausgangspunkt für eine kompensatorische Ich-Stärke ist, die nicht nur grandios ist, wie neuere Studien zu belegen scheinen. Schon aus dem einfachen Grund, weil ich beide Varianten, die Starken und die Schwachen, aus eigener Anschauung kenne. Aber so oder so, der Narzisst, der in einer Welt von vielen Selbst-, aber immer wieder auch Fremdidealisierungen (und solchen, der Idealisierung besonderer Momente), lebt, weiß, was er da hat. Kompensatorisch oder nicht, es ist mindestens die Vision einer perfekten Welt, ganz nahe an einem, freilich oft selbst konstruierten, Ideal.

Narzissten wissen wie das geht, sie kennen den Glanz und die Verlockungen dieser immer auch besonderen und erhabenen Welt und diese Fähigkeit zur Idealisierung soll nun herunter gedimmt werden. Das ist eine der Hilfen auf dem Weg zur Ich-Stärke. Die Welt ist danach nie wieder so großartig und dieses Opfer tut weh. Darum ist die Frage, warum man sich das eigentlich antun soll, für den Narzissten durchaus realistisch. Denn die normale Welt, in die er nun eingefädelt werden soll, ist alles andere als verlockend für ihn, sie ist genau das, wovor er immer geflüchtet ist, mehr noch, sie ist das, was er immer verachtet hat.

Aber man kann von Narzissten etwas über den Wert der Ideale lernen. Eine idealisierte Welt ist für sie verlockender als die reale Welt. Ideale zu haben ist ein Wert an sich, das vergessen wir heute oft. Für Menschen mit starken Idealen ist ein notwendiges Herunterdimmen derselben wie eine Wanderung durch die Wüste. Bevor man sich in der Welt wohl und zu Hause fühlt, kommt es nicht selten zu einem Abstumpfen der Begeisterung, zu einem Leben, das irgendwie seinen Glanz verloren hat.

Aus Schwächen werden Stärken

Eine eigene Welt zu kreieren und sich in ihr auch noch wohler fühlen zu können als in der Realität, ist eine Leistung, die man bewundern kann. Wenn dies eine kompensatorische Welt ist umso mehr. Denn es zeigt und lehrt uns, dass man aus Schwächen Stärken machen kann. Narzissten und Starke, beide fallen aber weitgehend zusammen, nehmen sich einfach einige Teilbereiche der Welt und erklären sie zu den allerwichtigsten. Und das klappt in der Regel sogar, nur dass andere mit dieser Sicht ihre Probleme haben und es so zu zwischenmenschlichen Verzerrungen kommt.

Aber Teilbereiche oder sogar Schwächen können zu Stärken werden. Das kann man in der Evolution immer und immer wieder beobachten. Werden Arten oder Individuen in die Enge getrieben, werden aus vermeintlichen Schwächen auf einmal Stärken und man bricht in völlig neue Bereiche auf. Narzissten oft in den Bereich einer phantastischen Überhöhung der eigenen Fähigkeiten und Großartigkeit, der an der Realität oft platzt und daher immer komplizierter nachjustiert werden muss (die anderen erkennen dann nur nicht, wen sie da vor sich haben), aber die Bedeutung einer kraftvollen und phantastischen eigenen Innenwelt kann man hier erkennen.

Zu sich finden und stehen: Manches kann man gut, anderes nicht

Eigentlich ist auch das so banal, wie es klingt. Doch der Umgang mit eigenen Schwächen gelingt den Starken nicht, zu stark die Scham und das Misstrauen den anderen gegenüber. Und auch die Schwachen scheitern hier, indem sie das, was sie nicht können, oft maßlos überbewerten und damit ein eigenes Fortkommen verhindern. Wenn ich nicht in ein Flugzeug steigen kann, ist mein Leben nichts wert, meint man dann.

Die gesunde Wurschtigkeit der Normalen ist es, die ihnen hier abgeht. Wer sich in der Mitte der Gesellschaft stehend fühlt, profitiert von dem sicheren Gefühl, dass man völlig normal ist. Die Schwachen fühlen sich der Normalität nicht gewachsen und die Starken hassen sie. Der Vorteil der Normalität ist, dass man in aller Bescheidenheit eine sehr große Spannbreite des Lebens leben kann. Man darf an dem vermeintlich Banalen und Durchschnittlichen Freude haben und sich kopfüber hinein stürzen. Manche Menschen, die sich als normal empfinden, haben mindestens so große reale Probleme wie manche „Unnormale“, sie leben nur mit der inneren Überzeugung, normal zu sein.

„Mein Mann muss immer mit, wenn ich ins Kaufhaus gehe, alleine kann ich das nicht“, kann man dann hören, von Menschen, die das nicht sonderbar finden. Es ist halt einfach so. Zu dieser soliden und irgendwo auch selbstbewussten Wurschtigkeit kann man hinfinden und der Eintrittspreis sind die nächsten Extrawürste, die man gerne hätte und auf die man verzichten muss. Auch wenn es viele Individualitäten und Details gibt, die in einer Therapie besprochen und erarbeitet werden sollten: dies ist eine Art Zwischenziel und einer von vielen zu sein und die Normalität verkörpern zu können, wenn man will, ist ungeheuer entspannend. Man steht nicht ständig im Fokus, wie die Ich-Schwachen es von sich meinen. Doch die Starken wird das nicht überzeugen, sie können den Verlockungen der Normalität in aller Regel so gut wie nichts abgewinnen. Sie müssen anders motiviert werden und ein wenig Glück haben.

Der Schock

Mann hält sich erschreckt Hände an den Kopf

Der Schock einer plötzlichen Erkenntnis kann helfen. © Casey Fleser under cc

„Der Schatten ist die Hölle. Ist wirklich der Abgrund schlechthin“, sagt Thorwald Dethlefsen, der für klotzige Bilder bekannt geworden ist.[1] Und er führt weiter aus, dass die Erkenntnis des Schattens kein kleines Nebenthema ist, was man im Fernsehsessel und ein paar Erkenntnissen über sich abhakt. Nein, von Zeit zu Zeit kann ein Fenster aufgehen und man kann begreifen: Das bin ja ich. Meistens ist es der Bereich, zu dem man eine besondere Affinität hat, mit dem man in der Projektion und bei Menschen mit Ich-Schwäche viel häufiger, in projektiver Identifikation, verbunden ist.

In der Projektion schiebt man sein Thema einem anderen in die Schuhe und ist es dann auch wirklich los, zumindest was das Empfinden angeht. Bei der projektiven Identifikation ist das Thema nicht einfach irgendwo geparkt, sondern man bleibt mit dem anderen und damit mit der eigenen Emotion gefühlsmäßig verbunden. Wenn alle aggressiv, neidisch oder durchtrieben und manipulativ sind, ist das mein Thema. Ein finsteres Thema, aber eines, vor dem man in der Regel gut geschützt ist, die anderen sind es ja, die so sind. Kompliziert daran ist, dass das, was man einigen anderen da unterstellt, durchaus stimmen kann. Das lässt oft Fragen und Streitereien aufkommen mit dem Inhalt: Ist es nun (m)eine projektive Identifikaion oder ist er / sie wirklich so? Das eine schließt das andere nicht aus.

In aller Regel funktioniert die Verinnerlichung von dem, was später projiziert wird, so: Man ist als Kind bestimmten Bedingungen gegenüber ausgeliefert. Nun gibt es leider auch Eltern, die ihre Kinder schlecht behandeln. Man braucht nicht darüber zu reden, welche verheerenden Folgen sexueller Missbrauch oder chronische Gewalt anrichten können. Aber darüber hinaus gibt es noch andere zerstörerische Angewohnheiten. Wenn Regeln ständig und nach willkürlichen Launen geändert werden. Wenn Kinder nur Aufmerksamkeit bekommen, wenn sie irgendwelche tollen Leistungen bringen, sie ansonsten aber nicht stören dürfen. Wenn Kinder ausschließlich gelobt werden. Wenn man Kindern gegenüber seine Macht und Überlegenheit genüsslich demonstriert. Passiert das häufig, haben die Kinder die Idee, dass die Welt eben so ist. Sie verinnerlichen ihr Erlebtes als normal und gehen mit dieser Einstellung auch in die Welt. Die Dauer und Intensität des Erlebten und das Temperament des Kindes sind dabei mitentscheidende Faktoren.

Sind diese Erlebnisse erst einmal verinnerlicht, steht für die Kinder fest, dass die Welt ganz einfach so ist. Wie sollte sie auch sonst sein, eine Alternative kennen sie nicht. Lernen sie Alternativen kennen, kommen ihnen diese eher merkwürdig bis falsch vor, lernen sie andere kennen, die genauso so agieren, wie sie es kennen, fühlen sie sich eher in deren Gegenwart zu Hause und es ist bestätigt, dass die Welt eben so ist. Das mag nicht schön sein, aber konstant und verlässlich. Es gehört nicht viel Phantasie dazu sich auszumalen, wie die Geschichte nun weiter geht. Immer wenn das Kind ein bekanntes Muster sieht und erkennt, fühlt es sein Weltbild bestätigt, abweichende Muster kommen ihm fremd und komisch vor, in denen bewegt es sich auch nicht geschickt, es eckt dort an und wird eventuell verstoßen, aber kalte Ablehnung, Desinteresse oder sogar aggressive Zurückweisung durch andere, die es dann erlebt, kennt es wieder und fühlt sich erneut bestätigt: Die Welt ist so.

Mir ist dieser Punkt sehr wichtig, weil in ihm viele Mechanismen zusammen laufen, die man verstehen muss, will man unschöne Diskussionen vermeiden. Man muss verstehen, dass man es an der Stelle manchmal und leider mit Menschen zu tun hat, die einen ideologisch motiviert bewusst falsch verstehen wollen und mit anderen, die einen nicht richtig verstehen können, dennoch ist es wichtig, hier am Ball zu bleiben. Wenn ein Kind, das zu Hause dauerhaft abweisend, kalt und aggressiv behandelt wurde, sich in emotional wärmeren und offenen Konstellationen bewegt, wird es sich dort fremd fühlen und linkisch verhalten und eventuell das Verhalten agieren, unter dem es selbst leidet. Wenn es daraufhin ausgegrenzt wird, so ist das einerseits selbstverschuldet (auch die anderen Kinder oder Eltern, Kindergärtnerinnen reagieren ja nur) und andererseits schicksalhaft, das Kind kann nicht anders, es hat nie normales Verhalten lernen können.

Andererseits fühlt sich das Kind in kalten und aggressiven Strukturen auch eher „wohl“ als in warmen und mitfühlenden, denn die kennt es nicht und ist das Muster von Kälte, Manipulation oder gar Sadismus internalisiert, wird es auch diesen empathischeren Strukturen misstrauen. Das ist ab einem bestimmten Punkt nicht mehr mit ganz viel Liebe, Wärme und Bindung zu kompensieren, so gut gemeint dieser Ansatz auch sein mag und so gut er bei anderen auch klappen kann. Das Kind wird auch diesen Strukturen gegenüber misstrauisch und aggressiv sein. Der Einzelfall entscheidet hier und dabei die Frage, wie tief Aggressionen in die Psyche eindringen konnten und als normaler Umgang empfunden wird.

Mit dieser misstrauisch-aggressiven Deutungsweise ausgestattet, blickt man in die Welt und sieht natürlich in jedem und allen Aggression, Manipulation und Machtgelüste. In einigen Fällen sind diese Beobachtungen durchaus real und man fühlt sich wieder bestätigt: So ist die Welt eben. Andere funktionieren wiederum ganz anders, sie sind empathisch, wohlmeinend, freuen sich mit anderen, doch in den Augen eines Menschen, der viel Kälte, Desinteresse, Entwertung und Aggression erlebte, ist das fremd. Und er interpretiert dieses Verhlten als Heuchelei, als Trick, wird es skeptisch und abfällig betrachten und sich misstrauisch und linkisch verhalten, wenn er mit normal netten Menschen konfrontiert ist. Denn er „weiß“, die Rechnung kommt später. Ohne Hintergedanken oder Manipulation macht kein anderer Mensch irgendetwas. Das ist die tiefgefühlte Überzeugung und da endlose Monate und Jahre, in denen man Spitzenaffekten ausgesetzt war, unendlich mehr die Psyche beeinflussen als warme Offenheit und Normalität, die man später sicher auch mal kennen lernt, ist klar, was hier in der Psyche dominiert. Mit dieser Überzeugung wird man groß und die legt man so schnell auch nicht mehr ab. Jede bestätigende Erfahrung wird zum „Siehste, hab‘ ich doch immer gesagt“, jede abweichende Erfahrung wird uminterpretiert: „Klar, der tut so nett. Das tun alle, die was im Schilde führen.“

Doch in all dem Elend kann es sein, dass irgendwann später mal, in einer Therapie, weil man ein Buch liest, sich intensiv unterhält, man träumt oder meditiert, ein Fenster aufgeht und in einem Moment der Klarheit die Erkenntnis vor einem steht: „Verdammt, das wogegen ich so kämpfe, das bin ja ich.“ Die Ambivalenz liegt darin, dass es in mir liegt und ich dennoch nichts dazu kann. Man ist an diesem Punkt Täter und Opfer, eingespannt in eine tragische Schuld, die man sich so gewiss nicht gewünscht hat. Diese Ambivalenzen sind schwer zu ertragen und noch viel schwerer ist zu ertragen, was die Folgen sind: Dass ich keine Schuld habe, dass es so gekommen ist, aber Verantwortung dafür, wie es weiter geht. Dass die Prämissen meines ganzen Lebens vollkommen anders sind, als ich bislang aus tiefster Überzeugung dachte und fühlte. Man muss, kurz und gut, noch einmal sein gesamtes Leben umschreiben, die Geschichte des eigenen Lebens neu erfinden und erzählen und das ist nicht die Korrektur einer Hausaufgabe, die man noch mal eben überarbeitet, sondern es rührt an den Grundfesten.

Der Schock, und wohl nur er, ist der Moment, in dem diese festgefahrene Geschichte kippen kann und es ist der Moment, der kaum zu ertragen ist, weil so viel daran hängt: Tausend Ereignisse, in denen man erkennt, was man anderen angetan hat und in denen etwas von Ferne dämmert, was man sonst nicht kannte: Das schamhafte Gefühl, ein Trottel zu sein, mischt sich mit Trauer und Mitgefühl über das, was man anderen all die ganzen Jahre angetan hat. Das ist das Gefühl, was nun kaltes Entsetzen auslöst, aber eben auch diese andere Seite anrührt: Trauer, Bereuen, den Wunsch nach Wiedergutmachung. Dieser Moment kann nur ein Schock sein und man braucht Glück dazu. Er ist eine der schönsten Hilfen auf dem Weg zur Ich-Stärke. Man darf ihn nicht verklingen lassen, sonst wird er begraben und vergessen. Er ist eine Chance zu einem Neubeginn, auch in Fällen, in den man oft denkt, es gäbe keine mehr.

Vorsicht vor Instrumentalisierungen

Wo das Erleben deutlich weniger als ein Schock ist, ist es in aller Regel nicht echt. Der Schock bringt gerade mit seinem Entsetzen den Schub an Motivation, der einem hilft, den beschwerlichen und unattraktiven Weg in Angriff zu nehmen. Die intelligente Variante unter den Menschen mit Ich-Schwäche lernt recht schnell, was andere erwarten und erfüllen diese Erwartungen brav, routiniert und ohne emotionale Beteiligung. Mit entsprechend schauspielerischem Talent kann man auch Reue und dergleichen anknipsen und eine großartige Show abliefern, stets auf den eigenen Vorteil abzielend. Da wird geweint, versprochen und alle Schuld der Welt auf sich genommen, nur damit alles wieder gut wird und gut heißt dann oft, manipulativ wie eh und jeh, ob klein und schwach oder stark und böse. Tief innen von der Überzeugung getrieben, dass die Welt ein Spiel ist oder ein Kampf mit allen Tricks und dass man auf dieser Ebene der überlegene Spieler ist. Man kann die anderen um den Finger wickeln, weil man so böse und mächtig ist, oder so klein und schwach.

Partnerschaft

Mann und Frau mit Hut an Ampel

Ein Paar zu sein gehört zu den großen Hilfen auf dem Weg zur Ich-Stärke. © ni22co under cc

Die Ebene Partnerschaft ist eine der weiteren wunderbaren Hilfen auf dem Weg zur Ich-Stärke und gleichzeitig ein Ort von menschlichen Dramen und Tragödien. Die Störung liegt auf der Ebene der Beziehungen und hier wird sie mit gnadenloser Konsequenz auch reinszeniert. Und ebenso schicksalhaft sucht und findet sich, wer sich braucht. Dabei ist die Faustregel: Jede Beziehung ist besser als keine Beziehung. Doch ich-schwache Menschen sind nicht immer gute Partner. Die Schwachen sind anklammernd und gleichzeitig oft manipulativ, die Starken sind oft despotisch bis in den Sadismus hinein. Nicht selten treffen sich zwei Partner, die beide ich-schwach sind und die Beziehung kann sie stabilisieren oder zum Fiasko werden, man kann es vorher nicht sagen.

Da in intimen Beziehungen die größten Traumatisierungen reinszeniert werden, immer mit dem Blick darauf, ob sie nicht doch zu lösen sind, ist für Spannung gesorgt, aber tragischerweise zerbrechen Beziehungen oft daran oder einer der Beteiligten oder beide müssen jede Menge Leid ertragen. Es ist wie oben erwähnt: ein ich-schwacher Mensch kann sich nicht vorstellen, dass es Menschen gibt, die nicht genauso ticken wie sie. Entweder manipuliert er offen oder klammheimlich, dass es echten Altruismus, nicht ausbeutende Kooperation und eine aufrichtiges Interesse am anderen gibt, ist in seier Welt nicht drin und wenn der Partner zufällig so ein Mensch zu sein scheint, wird er getestet und provoziert, bis er schlussendlich auch so reagiert, wie der ich-schwache Mensch es herausgefordert hat, um dann die Gewissheit beibehalten zu können, dass doch alle Menschen gleich sind, nämlich genau so, wie der ich-schwache Mensch es immer schon wusste. Die Frustrationstoleranz des Partners muss schon groß sein, aber, manchmal geht die Sache tatsächlich gut und der ich-schwache Mensch sieht sich einem anderen gegenüber, der tatsächlich stabil, verlässlich und nachsichtig ist. Das kann eine Wende bringen.

Die Fähigkeit zur Abhängigkeit

Wenn einerseits die richtige Dosis Idealisierung gelernt werden muss, dann andererseits auch die richtige Dosis von Nähe und Distanz. Die Schwachen sind eher anklammernd, stoßen jedoch den Partner vor den Kopf (in dem heimlichen Glauben, dass sie ohnehin nicht liebenswert sind und der Partner schon längst auf dem Sprung in eine neue Beziehung ist, was praktisch ein übles Hin und Her von emotionaler Erpressung und Drama bedeutet), die Starken sind kalt und wechseln ihre Partner, wenn diese nicht richtig funktionieren oder einfach langweilig geworden sind, was schon im Moment der Eroberung der Fall sein kann, wie andere die Socken.

Die richtige Dosis der Idealisierung spielt natürlich auch in der Liebe eine Rollen. Man verliebt sich einfach nicht in einen Partner, den man als vollkommen durchschnittlich empfindet, da muss es schon knistern. Manchmal knistert es bei den Falschen, aber Liebe ist zu einem Teil eben immer auch schicksalhaft: Was soll man auch machen, wenn man das grundsolide Modell des Beamten oder der Sparkassenangestellten todlangweilig findet und man den Chef einer Gang oder die Punkerin viel spannender? Idealisierung gehört zur Liebe, der Partner muss schon als besonderer Mensch empfunden werden. Zuviel des Guten ist es, wenn der Partner einen gottgleichen Status bekommt (und übel, wenn er ein unbesiegbarer Teufel ist) und zu wenig ist, wenn man keine Götter neben sich dulden kann und die Rolle des anderen lediglich darin besteht, die eigene Großartigkeit zu bewundern und ansonsten ausgetauscht wird, wie eine kaputte Glühbirne.

Analog ist es mit der Fähigkeit zur Abhängigkeit. Man muss sich eingestehen und es aushalten können, dass der andere einem wichtig ist, das heißt aber, dass er damit auch ein Mensch ist, der mich verletzen kann. Wenn man überzeugt ist, dass jede Annäherung eine Schwäche ist und jedes Zugeständnis dazu verwendet wird, irgendwann dem anderen doch zu schaden, ist man vorsichtig. Man wird sich hüten in Abhängigkeit zu geraten. Wer einen anderen ganzen Menschen, mit eigenen und durchaus anderen Ideen und Gedanken, Wünschen und Gefühlen neben sich ertragen kann, ist gut dran und wer auch noch benennen kann, worin denn die Eigenheiten des anderen bestehen, im Vergleich zu den eigenen, der hat die Ich-Schwäche und die Identitätsdiffusion überwunden. Partnerschaft ist eine der großartigen Hilfen auf dem Weg zur Ich-Stärke und macht obendrein noch mehr Spaß, wenn sie auf Augenhöhe stattfindet, trotz oder gerade wegen all der möglichen Komplikationen.

Arbeit

Arbeit, ihre Regelmäßigkeit und die dafür notwendige Disziplin und Zuverlässigkeit, ist ein stabilisierender Faktor. Freuds Therapieziel war, die Liebes- und Arbeitsfähigkeit des Menschen herzustellen oder zu vergrößern und Freud lässt hier keinen Zweifel aufkommen:

„Keine andere Technik der Lebensführung bindet den Einzelnen so fest an die Realität als die Betonung der Arbeit, die ihn wenigstens in ein Stück der Realität, in die menschliche Gemeinschaft sicher einfügt. Die Möglichkeit, ein starkes Ausmaß libidinöser Komponenten, narzisstische, aggressive und selbst erotische, auf die Berufsarbeit und auf die mit ihr verknüpften menschlichen Beziehungen zu verschieben, leiht ihr einen Wert, der hinter ihrer Unerlässlichkeit zur Behauptung und Rechtfertigung der Existenz in der Gesellschaft nicht zurücksteht. Besondere Befriedigung vermittelt die Berufstätigkeit, wenn sie eine frei gewählte ist, also bestehende Neigungen, fortgeführte oder konstitutionell verstärkte Triebregungen durch Sublimierung nutzbar zu machen gestattet. Und dennoch wird die Arbeit als Weg zum Glück von den Menschen wenig geschätzt. Man drängt sich nicht zu ihr wie zu anderen Möglichkeiten der Befriedigung. Die große Mehrzahl der Menschen arbeitet nur notgedrungen, und aus dieser natürlichen Arbeitsscheu der Menschen leiten sich die schwierigsten sozialen Probleme ab.“[2]

Auch das ist kränkend für ich-schwache Menschen, die dem ganzen gutbürgerlichen Getue oft nichts abgewinnen können. Es gibt 1.000 Gründe, die dagegen sprechen, zum monotonen Gelderwerb zu trotten, aber Freuds Zeilen stehen dagegen und seine Argumente sind therapeutisch fast überall akzeptiert, auch wenn man sie nie gelesen hat. Arbeit macht sicher nicht immer glücklich, aber die unglücklichsten Mitglieder einer Gesellschaft sind Arbeitslose. Der Mensch will auch nützlich sein und wer arbeitet, wird als nützlich anerkannt, wer es nicht tut, hat fast immer Gründe zur Hand, warum er dennoch ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft ist oder er versucht sich herauszureden, in dem er die dummen Herdentiere verachtet, die regelmäßig einer Arbeit nachgehen. Die Kränkung liegt darin, dass im großen Strom mitzuschwimmen genau das ist, was man immer vermeiden wollte und wenn man dann dafür gelobt wird oder sich einfach nicht mehr langatmig herausreden muss, warum man nicht arbeitet, sondern man sagen kann, man tue dies oder das, ist in der Tat entspannend. Dass man dafür dann auch noch Geld bekommt, versüßt das Ganze noch einmal. Man bemerkt zumeist einen leisen Stolz, mindestens aber eine entspannte Zufriedenheit, wenn man einfach mal dazu gehört, was zwar dann problematisch ist, wenn man immer gegen arbeitende Spießer polemisierte, aber die Gesellschaft betrachtet es mit Nachsicht, wenn man irgendwann „vernünftig“ wird, sie hat ihr Ziel erreicht.

Ehrenamt, Zeit und Langeweile im Überfluss

Dabei ist es längst nicht das Geld allein, was Menschen motiviert, zu arbeiten. Es sind vor allem die innere Motivation und Anerkennung, ganz wie Freud es schon sagte. Die kann man auch im Ehrenamt erfahren und für viele Menschen ist es beglückend, für andere da zu sein. Hilfreich ist das in vielerlei Hinsicht auch für die eigene Ich-Stärke, denn die vergrößert sich, wenn man sich für andere engagiert und hat einen doppelten Effekt. Man tut etwas für sich, oft ist es etwas, was einem liegt, was man gut kann und dafür bekommt man Lob und Anerkennung. Zum anderen tut man etwas für andere und sieht deren oft glückliche und dankbare Gesichter und kann spüren, dass es gut tut, anderen zu helfen.

Man kriegt seine Zeit auch anders um und da gibt es positive und negative Ansätze, wie immer eingebettet in ein fließendes Kontinuum, das polar zu verstehen ist, nicht im Sinne von Antagonisten, die sich ausschließen. Auch mit Computerspielen und Masturbation kann man sich die Zeit vertreiben, nicht wenige tun das und sind dabei in einer eigenen Welt versunken, aber oft auch nahe an einer Suchtproblematik, sei es Medien- oder Onlinesucht im weiteren oder sogar Pornosucht im engeren Sinne.

Zwischenergebnis

Die Liebe und die Partnerschaft, der Beruf, sowie das schockartige Erwachen einer Selbsterkenntnis und natürlich eine tiefgehende Psychotherapie können helfen, den Spieß umzudrehen. Die Reise geht zunächst in Richtung Normalität und das ist nicht im Sinne eines erzwungenen Dienstes nach Vorschrift gemeint, sondern in dem Sinne, dass man immer weniger von der stillschweigenden Überzeugung ausgeht, dass die Welt sich einzig und allein um die eigenen Bedürfnisse zu kümmern habe. Da das inzwischen ziemlich viele meinen, liegt ein Problem schlicht darin, dass, wenn es nur noch Könige und Prinzessinnen gibt, niemand mehr Diener sein will. Ob die Ansprüche offen oder verdruckst geäußert werden, sie sind da und sie sind problematisch, nicht zuletzt, weil es einem damit selbst schlecht geht. Die Prinzessin auf der Erbse, die ihre Komfortzone minimal angekratzt sieht, ist nervtötend und leidet. Es geht ihr nicht gut mit ihren maximalen Ansprüchen, aber solange es in ihrer Welt nur sie selbst gibt, ändert sich das auch nicht. Das ist die bittere Wahrheit. Die Welt ist nicht perfekt, aus der Perspektive der Selbstwichtigkeit erst recht nicht und die Weigerung, sich damit abzufinden, macht nur noch unglücklicher. Das um was er geht, ist nicht Erziehung, sondern Öffnung. Das ist nur der erste Schritt und es bringt nichts drum herum zu reden, die ersten Hilfen auf dem Weg zur Ich-Stärke werden in aller Regel zunächst als ziemlich unattraktiv empfunden.

Die gute Nachricht ist, dass, wenn man das Tal der Tränen durchschritten hat, die Qualität und Vielfalt des Lebens tatsächlich steigen, denn diese können bei manifester Ich-Schwäche stark leiden. Wohin die Reise mit einem starken Ich gehen könnte, davon mehr in der nächsten Folge.

Quellen:

  • [1] Thorwald Dethlefsen, Altes Weltbild contra neues Weltild (Audio Vortrag), Aurinia Verlag
  • [2] Sigmund Freud, Das Unbehagen in der Kultur, Fischer-Studienausgabe Bd. IX, S. 212