Begriffe: Verstehen, was man fühlt

japanische Mutter mit Kind auf Arm

„Guck mal, da.“ Sie erklärt ihrem Kind, was jetzt passiert. © Toshimasa Ishibashi under cc

Integration heißt verstehen, heißt psychisches Außen zum Innen zu machen. Dabei hilft uns unsere Sprache, die, wie das Affektsystem eine eigenes Kommunikationssystem darstellt. Nun lässt sich eine Sprache nie in eine andere übersetzen, bei Affekten und verbalen Lautäußerungen in Form von Begriffen ist das nicht anders. Für einige Erlebnisse aus dem Reich der Affekte fehlen uns Begriffe und so werden einige psychische Anteile gar nicht verdrängt oder verleugnet, sondern einfach vergessen, wenn man in die Welt der Begriffe eintaucht.

Begriffe sind, genau wie Affekte merkwürdig komplex. Wir denken oft, ein Begriff sei einfach ein Wort, doch das stimmt nicht. Einen Begriff zu haben bedeutet, zu verstehen, was das Wort meint und wie und wann es korrekt – im Sinne der sozialen Gemeinschaft oder Gesellschaft in der man lebt – verwendet. Ein Wort kann man sagen, auch wenn man es nicht verstanden hat. Kinder tun das manchmal, aber auch Papageien. Einen Begriff zu verwenden, heißt, den Kontext verstanden zu haben, heißt, verstanden zu haben, was gemeint ist, was man damit gesagt hat. Der Papagei kann korrekt Wörter und Sätze auswendig lernen, aber er versteht nicht die Bedeutung dessen, was er da sagt, versteht nicht die Bedeutung, die die Begriffe für verstehende Sprachteilnehmer haben. Es ist sozusagen, leeres Gerede. Wenn wir Begriffe verwenden, wollen wir etwas sagen und wissen das auch, ist es bedeutungsvolles Sprechen.

Aber da ist noch etwas, für unser Affektthema Bedeutendes: Einen Begriff zu verwenden, heißt auch eine eigene kognitive Position aufzubauen, heißt seine Umwelt zu verstehen und damit zum Innen zu machen, inklusive der eigenen Affekte. Angst zu haben, ist etwas anderes, als zu wissen, dass man Angst hat. Letzteres baut eine Metaposition zur den eigenen Empfindungen auf. Man ist der Angst, Freude oder Wut nicht mehr nur passiv ausgeliefert sondern versteht auf einmal, dass es Angst, Freude oder Wut sind, die man da empfindet, weil man es gesagt, erklärt, gedeutet bekommt.

Und das ist eine wesentliche Rolle der Umwelt, vor allem der Mutter. Sie bringt dem Kind seine eigenen Affekte nahe, lehrt es zu verstehen, was mit ihm selbst los ist. Denn anders als man denken könnte, hat man zwar die Fähigkeit von Beginn an Affekte auszudrücken und zu erleben, aber man weiß nicht, welche Affekte es sind. Sie kommen über einen, wie Sonnenschein oder ein plötzliches Unwetter, aus einem selbst, ohne dass man es versteht. Und die Mutter nimmt das Kind, versteht, was es hat und sagt ihm, im besten Fall beruhigend und klar: „Du hast Angst.“ Das Kind hat noch immer Angst, aber es kann zum ersten Mal ein kleinen Distanz zu den eigenen Gefühlen aufbauen, indem es nun weiß, dass es Angst hat und Mutter darüber nicht entsetzt ist. Oder, dass es Freude fühlt, albern ist, laut, traurig oder wie auch immer Kinder so sind. Wir müssen durch die Übernahme einer äußeren und bereits vorhandenen Sprache lernen unser Inneres zu verstehen, von dem wir oft denken, es sei unser aller Privatestes, dass nur wir kennen und unser allzeit verfügbarer Ausgangspunkt. Nein, wir müssen es auch unsere Innenwelt erst kennen lernen. Das ist bei ersten Mal schwer zu verstehen.

Affekte, Triebe und Instinkte

Der Mensch ist reich an Affekten, aber arm an Instinkten. Freund differenzierte nach 1915zwischen Trieben und Affekten, vorher sah er sie als weitgehend identisch an. Zunächst waren für Freud die Triebe grundlegend, doch das ändere sich später. Freud unterschied dann Instinkte und Triebe, Instinkte sah er als arttypisch an, Triebe hingegen als hochindividuell. Ab 1923 klafften dann Affekte und Triebe, in Freuds Sicht, immer weiter auseinander.[2] Das wird heute noch so von der Objektbeziehungstheorie gesehen und zwar in der Weise, dass Affekte die Bausteine von Trieben sind.

Die Fähigkeit Affekte zu äußern und mit ihr auf die Umwelt zu reagieren und mit ihr zu kommunizieren ist uns angeboren und die Summe angenehmen Ereignisse und unser Reaktionen darauf wird gebündelt zum Guten, die der unangenehmen Ereignisse, samt unserer Reaktionen, zum Schlechten oder Bösen. Das private Böse/Schlechte versuchen wir fortan zu meiden, das Gute hingegen zu wiederholen. Das sind die ersten Triebe, die Suche nach Lust und die Vermeidung von Unlust. Sehr weit kommt man damit allein nicht, wie Freud bald merken sollten und wir in der ersten Folge der Reihe über Aggressionen darstellten.

Affekte und Beziehungen

Wenn Affekte Kommunikation bedeuten, dann führt uns das zu einem nächsten Element der Affekte. Die Kommunikation bezieht sich nicht nur auf die Erklärung von Affekten, in der Form von: „Du hast Angst“, sondern der Ausdruck von Affekten ist selbst Kommunikation und bedeutet etwas. Wut bedeutet, dass ein Hindernis weg soll, Überraschung hat die Funktion, dass alle laufenden Aktivitäten eingestellt werden: „Das gibt‘s doch nicht!“[3]

Als Kommunikationsmittel stehen die Affekte damit als trennendes und verbindendes Element in der Mitte einer Beziehung zwischen zwei Menschen. Aber es ist eben nicht diese eine Beziehung, sondern es ist eine Summe von vielen Begegnungen mit ihren Affekten, die den anderen in meiner Welt entweder zu einem guten oder bösen Menschen machen. Wenn ich mit einem anderen Menschen oft Spaß und Freude erlebe, ist er ein guter Mensch, weil uns ein positiver Affekt verbindet.

Ein Mensch, vor dem wir uns fürchten, ist eine Beziehung zwischen einem schwachen und ohnmächtigen Selbst und einem starken und mächtigen Anderen/Objekt. Ist die Summe der negativen Affekte im Kontext der Begegnung mit einem anderen groß, wird er unter böses/schlechtes Objekt abgelegt ist die Summe überwiegend gut wird der andere zum guten Objekt. Und nun sind wir in der Nähe des eigentlichen Themas: Spitzenaffekte.

Wenn ich es mit jemandem zu tun habe, der mir viel Freude bereitet, dann verbindet mich mit dem anderen ein Affekte der heiteren Freude in dem der andere als ein fröhlicher Menschen integriert ist, der mit mir, dem erheiterten Selbst in einem Affekt der unbeschwerten Freude verbunden ist. Der andere wird vielleicht als kreativ, schlagfertig, humorvoll und mutig erlebt, auf der anderen Seite steht ein bewunderndes und heiteres Selbst.

Wenn der andere mich quält, ist die Begegnung weniger lustig und dann steht vielleicht ein schwaches, ohnmächtiges, willkürlich behandeltes Selbst, einem mächtigen und sadistischen Objekt gegenüber verbunden durch Affekte der Ohnmacht und auf der Gegenseite des Affekts, der Macht. Der die Beziehung verbindende Affekt hat also zwei Aspekte, in diesem Fall einen mächtigen und einen ohnmächtigen.

Wichtig ist, zu verstehen, dass die gesamte Beziehung, das heißt das Selbstbild, das Bild des anderen und beide Hälften des Affekts in die Psyche des Selbst internalisiert werden. Das zu verstehen, ist bedeutsam, wenn es hinterher um die Frage nach der Heilung geht. (Wir werden das noch mal ausführlich in einem eigenen Beitrag aufgreifen.)

Pathologische Entwicklung

Doch vor der Heilung kommt die Pathologie. Es ist klar geworden, dass es für den Einzelnen gute und böse/schlechte Objekte gibt. Das heißt die Welt teilt sich für uns dualistisch zunächst in nur-gute und nur-böse Objekte auf. Schon in der normalen Entwicklung ist das nicht wirklich gut zu integrieren und so greift das Kind, nach Meinung der meisten Theoretiker zu einem Kunstgriff: Normale Objekte (Personen) sind ambivalent, das heißt, manchmal erfreuen wir uns an ihnen und ein anderes Mal sind wir verärgert.

Kinder können Ambivalenzen aber noch nicht integrieren, genau wie Menschen mit schweren Persönlichkeitsstörungen und beides ist eng verwandt. Dass man sich über jemanden mal freut und ärgert, begreifen Kinder und Menschen mit schweren Persönlichkeitsstörungen gleichermaßen, aber nicht zur gleichen Zeit. Entweder sie sind nur erfreut oder nur verärgert. Im Moment des Ärgers ist also alles, was man an Gutem mit dem anderen erlebt hat, wie ausgelöscht. Affekte sind immer eindeutig. Eine kurze Zeit später kann es sein, dass die Welt des Kindes oder des Kranken wieder vollkommen in Ordnung ist und nichts an den Ärger von eben erinnert. Es soll auch nichts an den Ärger von eben erinnern, der andere ist wieder der idealisierte Mensch und da stören Regenwolken aller Art. So pendeln die Emotionen von Menschen mit schweren Persönlichkeitsstörungen hin und her, zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt.

Und das hat seine Geschichte. Kinder lösen das auf ihre Art. Sie trennen in ihrer Psyche das nur-gut Objekt fein säuberlich vom nur-bösen. Die Theorie will, dass die Wut auf die gute Mutter, die nicht sofort für das bedürftige Kind zur Verfügung steht, so groß wäre, dass das Kind Angst hat sie zu zerstören. Dass das Kind das gar nicht kann, hat es noch nicht gelernt. Insofern schützt es die gute Mutter vor seiner eigenen Wut und projiziert diese auf eine zweite Mutter, die nur-böse. Diese böse Mutter bekommt nun alles ab, was die reale Mutter falsch macht, das Kind kann die böse Mutter so hassen und zerstören wollen und die gute Mutter weiter idealisieren.

Wie gesagt, das ist noch Teil der normalen Entwicklung, die nun, wenn alles gut läuft, so weiter geht, dass das Kind in kleinen Schritten und anhand von Übergangsobjekten und – beziehungen lernt, von der Mutter unabängiger zu werden und vom Kind immer mehr toleriert wird, dass es nur eine Mutter ist, die man gut und mal versagend ist, das erlebt, dass seine eigene Wut die Mutter und die Beziehung zu ihr nicht zerstören kann, dass kurz gesagt von einem idealisierenden und entwertenden Welterleben und einfachen, rohen Affekten immer mehr in eine Welt komplexer und ambivalenten Emotionen eintritt, in der sich Affekte und Kognitionen immer mehr durchdringen.

Das ist eine Welt die zwar einerseits immer komplexer und komplizierter wird, aber andererseits emotionaler ruhiger und gedämpfter, damit aber auch erträglicher wird.