Was ist gesund?

Gemälde von Mutter mit Kind

Was ist noch sicher und umsorgend, wo wird es erdrückend? © Pedro Ribeiro Simões under cc

Das hängt vom Kind ab. Das Temperament ist genetisch fixiert und einige Kinder reagieren deutlich schneller auf Reize als andere. Doch auch die Summe der bisherigen Erfahrungen des Kindes macht etwas aus, seine gesammelten Ressourcen. Wenn das Kind an sich gelassen ist und die Erfahrung gemacht hat, dass eine besonnene Mutter im Regelfall kommt, die gute Mutter der bösen Mutter also bei weitem überlegen ist, sind Spitzenaffekte, die unvermeidbar sind, viel besser wegzustecken, als wenn ein konstitutionell nervöses Kind eine hochgradig besorgte Mutter hat, die das Kind mit Stürmen von Liebe überhäuft, um ihm zu zeigen, dass es alles bekommt, was es braucht. Die in Krisensituationen nicht gelassen reagiert und dem Kind mit ruhiger Stimme seine Umwelt deutet: „Du hast Angst, komm her, das wird schon wieder.“, sondern statt dessen, das verängstigte Kind mit aufgerissenen Augen anstarrt und schreit: „Was ist mit dir, was ist los?“ und es weinend in die Arme nimmt und fast zerdrückt.

Eine gelassene Umgebung ist ideal, aber das Kind kann, wenn es genügend gute oder neutrale Erfahrungen gesammelt hat, auch gelegentliche Spitzenaffekte wegstecken, Unaufgeregtheit ist hier das erste Gebot, nicht der Wunsch alles perfekt zu machen.

Symptome

Wenn es sich um seltene Spitzenaffekte, die zu schweren Traumata wurden, vor allem jenseits der ersten 5 Lebensjahre handelt, finden wir gewöhnlich später die Symptome der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS), für die Traumatherapie angezeigt ist. Der Einfluss chronischer Spitzenaffekte ist der ursächliche Hauptfaktor für das Entstehen schwerer Persönlichkeitsstörungen. Die Psyche wird dann dauerhaft umgebaut, besser gesagt, ihr langsamer und normaler Umbau zu einem sicheren Haus wurde verhindert, zugunsten einer tief sitzenden Spaltung.

Spaltung bedeutet, dass Kognitionen und Emotionen nicht zusammen passen. Spaltung macht eine Orientierung nach zwei Seiten möglich. Entweder man vertraut seinen Gefühlen, auch wenn diese nur momentan sind und Teile einer psychischen Ganzheit. Dafür ist man in der unmittelbaren Begegnung manchmal nahezu hellsichtig. Diese emotionale Hellsichtigkeit ist oft eine Überlebensfunktion. Bei unberechenbaren Eltern, deren scheinbare Gründe wahllos und willkürlich sind, ist es eine gute Strategie nicht auf das zu achten, was sie sagen, sondern ihre Stimmung genau zu erkennen. Der Nachteil ist freilich, dass man bei jeder Abweichung des Empfindens und dem Gesagten, auch später und bei anderen, oft das Schlimmste mutmaßt, man kennt es ja so.

Die andere und häufigere Variante ist, dass man stark auf eigene Regungen schaut, aber blind wird für die Gefühle anderer, deren Komplexität man oft nicht versteht. Man ist noch empathisch genug, um zu berechnen, wie ein anderer wohl reagiert, auch um ihn ausbeuten zu können, aber was er dabei empfindet, interessiert nicht und spielt im eigenen Erleben überhaupt keine Rolle. So kann man blind und hellsichtig, hochintelligent und schwer gestört sein.

Wir setzen ein wenig zu sehr auf die Intelligenz. Diese ist fraglos wichtig und eine Pionierlinie der Entwicklung, das heißt, wo sie stark reduziret ist, wird es mit nahezu allen anderen Entwicklungslinien schwer, manchmal unmöglich, aber Intelligenz allein ist kein Selbstläufer. Wir müssen begreifen, dass es auch Menschen mit hoher bis höchster Intelligenz gibt, die emotional verarmt sind und das ist letztlich ein Nachteil für den Verarmten, selbst wenn er alle anderen an der Nase herum führen kann.

Heilung

Die Diskussionen über die Möglichkeiten von Heilung sind nach meiner Wahrnehmung einigermaßen konfus. Die einen sind euphorisch und meinen, man könne alles heilen, noch eigenartiger ist aber der Trend, ohne Widerspruch zu dulden, darauf zu bestehen, dass bestimmten Erkrankungen nicht zu heilen seien. Zu verstehen ist das in dem Moment, wo Therapie mit einem gewissen Erfolgszwang verbunden ist und der immerhin leidende Mensch durch die Blume gesagt bekommt, er müsse nur wollen, dann würde er auch wieder gesund. So einfach geht es in vielen Fällen freilich nicht, das weiß aber auch jeder, der wenigstens oberflächlichste Kenntnisse auf dem Gebiet besitzt.

Aktuell erleben wir eine Phase des Umbruchs. Ganz allgemein haben wir in den letzten 40 Jahren therapeutisch dramatische Fortschritte gemacht. Schwere Persönlichkeitsstörungen waren damals, vor allem in ihrer Definition und ihrem Umfang, nahezu unbekannt und galten obendrein als therapeutisch kaum erreichbar. Das sieht heute vollkommen anders aus, einige ihrer therapeutischen Prognosen sind gut bis ausgezeichnet. Mitunter scheinen einige Reste zu bleiben, so dass bestimmte Erlebnisse, die sich eingebrannt haben, immer eingebrannt bleiben. Wenn hier keine komplette Heilung möglich ist, so doch eine Linderung durch eine Stabilisierung der Gesamtpersönlichkeit, die man heute immer besser versteht.

Problematisch ist nach wie vor, wenn der Anteil der Aggressionen innerhalb der eigenen Psyche sehr hoch ist, da es in erster Linie erlebte und verinnerlichte Aggressionen sind, die den Aufbau realistischer Beziehungen, von zwei kompletten Menschen, die sich symmetrisch, auf Augenhöhe begegnen, verhindern. Je mehr Aggressionen in der Psyche sind – vor allem bei narzisstischen Persönlichkeitsstörungen, die sich über eine sehr weites Spektrum erstrecken und deren Prognose im leichten und mittleren Spektrum mit fortschreitendem Lebensalter immer besser bis ausgezeichnet wird – desto schlimmer die Prognose. Wir finden also eine gegenläufige Dynamik. Mehr Aggressionen und antisoziale Züge, desto schlimmer, höheres Lebensalter, desto besser. Wenn die Aggressionen die Fähigkeit irgendwelche Beziehungen aufzubauen vollkommen zerstört haben, spricht man von de antisozialen Persönlichkeitsstörung und die Prognose ist Null = unheilbar. Grob kann man auch sagen, je schwerer (weiter unten) die Erkrankungen auf dem Schaubild, desto schlimmer, je weiter oben, desto besser. Wobei angemerkt werden muss, dass sowohl der maligne Narzissmus, als auch die antisoziale PST viel teifer als borderline und schizoid gesetzt werden müsst, eine Auffassung der auch Kernberg zustimmt.

Der gegenwärtige Umbruch führt dazu, dass wir heute eine Reihe therapeutischer Verfahren kennen, die unter Umgehung des Intellekts arbeiten oder bei denen der Intellekt und das Verstehen nur eine untergeordnete Rolle spielt. Traditionell sind wir diesen Verfahren gegenüber eher misstrauisch eingestellt, umso mehr, wenn nicht mal Therapeuten verstehen, warum etwas hilft. Im Lichte der Placeboforschung macht es Sinn, daran zu denken, dass bereits die Vorstellung dass etwas helfen kann, tatsächlich hilft.
Auch imaginative und hypnotherapeutische Verfahren erleben aktuell wieder starken Aufwind. Auch EMDR wirkt recht gut (aber vermutlich nicht aufgrund der Augenbewegungen)[5] und Versuche eine Art Urvertrauen in einer regressiven Umgebung neu herzustellen sind durchaus vielversprechend. TFP scheint als ein Standardverfahren immer effektiver zu werden.

Der an sich als pathologisch geltende Wiederholungszwang kann als Versuch der Reintegration aufgefasst werden. Die Psyche legt sich gewissermaßen immer wieder die zu erledigende Aufgabe vor, will das Haus doch noch errichten. Das heißt auch die Psyche selbst könnte eine Tendenz in Richtung Heilung haben, die man unterstützen kann. Und wenn wir verstehen, dass eine Erziehung die arm an Spitzenaffekten ist, sehr hilfreich ist, können wir auch das in ein Gesamtkonzept mit einbauen. Es gibt deutlich mehr Gründe für Optimismus, als für Pessimismus.

Quellen: