Gemaltes Bild zweier freundlicher Häuser, durch Straße getrennt

Wenn Spitzenaffekte selten sind, gelingt es, die eigene Psyche zu einem behaglichen und sicheren Haus umzubauen. © Ivan under cc

Spitzenaffekte sind in ihrer Bedeutung für die Entwicklung des Kindes kaum zu überschätzen. Vermutlich vor allem für das Misslingen der Entwicklung. So bedeutend sie sind, so sehr machen sie sich rar. Kaum bekannt, findet man auch wenig über sie in der Literatur und das dann oft beschränkt auf ein paar Sätze. Um zu verstehen, was Spitzenaffekte sind und ihre Bedeutung nachvollziehen zu können, müssen wir uns zunächst kurz damit befassen, was Affekte überhaupt sind. Kurz deshalb, weil Affekte ein episches Thema sind, mit immer neuen Aspekten.

Affekte und Neurotransmitter

Folgen wir Rainer Krause, seines Zeichens Affektforscher, so zerfallen Affekte selbst in wenigstens sechs unterschiedliche Segmente, nämlich den direkten und unbewussten Ausdruck von Befindlichkeiten; ihre physiologisch-hormonale Basis; die Aktivierung von Skelettmuskeln und damit die Bereitschaft zu Handeln; eine Wahrnehmung dieser genannten Prozesse; eine Bewertung derselben und die soziale Dimension von Affekten, die trotz aller kulturellen Unterschiede in allen Völkern wenigstens bei den grundlegenden Affekten identisch zu sein scheint.[1]

Kurz gesagt, Affekte, die Disposition dazu und ihr Ausdruck sind zunächst oder zum Teil unbewusst, werden aber auf dieser Ebene verstanden und stellen somit ein Teil des Kommunikationssystems, sowie des Motivationssystems dar.

Die Regulation von Affekten scheint uns größtenteils, durch unser Temperament angeboren zu sein. Es bestimmt die Schwelle ab der jemand affektiv antwortet. Mütter mehrerer Kinder wissen sehr genau, dass das eine Kind von Geburt an ungeheuer gelassen ist, während ein anderes sehr schnell auf Reize reagiert. Die Dauer und dieser Affekte, ihre Intensität, Schwelle, sowie der Rhythmus, wann das Kind wieder bereit ist, auch einen Außenreiz zu antworten, sind so ebenfalls geregelt.

Reguliert wird die Affektdisposition durch das ungeheuer komplexe Neurotransmittersystem, das vielleicht 20 verschiedene Bausteine, je eigene Systeme, besitzt, die wechselseitig aufeinander einwirken, einige sind direkt für die Affektregulation zuständig, andere eher indirekt.

Affekte und Emotionen

Wie so oft in der Psychologie und verwandten Disziplinen, ist die Sprachregelung, bezüglich dessen, was Affekte und was Emotionen sind, uneinheitlich. Ich finde die Regelung ganz gut von Affekten als dem unbewussten Ausdruck zu sprechen und von Emotionen, wenn man weiß, was man fühlt.

So stellen Affekte zunächst eine eigene Sprache dar, die man „sprechen“ und verstehen kann, ohne sie gelernt zu haben. Ein überraschtes oder wütendes Kind ist unmittelbar in der Lage seiner Empfindung Ausdruck zu verleihen und die Mutter dieses Kindes ist unmittelbar in der Lage, zu verstehen, was gerade mit ihrem Kind los ist. Das zeigt den kommunikativen und motivationalen Charakter der Affektäußerungen. Denn die Mutter, die versteht, was ihrem Kind fehlt, weil sie dessen Mimik, Gestik und Lautäußerungen versteht, kann nun Handeln und tut das in der Regel auch.

Grundlegende Affekte wie Wut, Trauer, Angst, Überraschung, Interesse, eventuell Ekel, Verachtung und fast immer unerwähnt: sexuelle Erregung, werden überall verstanden, ohne dass man dies lernen muss.

Normale Entwicklungen

So wie Affekte, eine eigene Sprache darstellen, stellen kleine Kinder eine eigene Welt dar. Schon ihre normale Entwicklung ist ein kleines Wunder, weil sie unendlich viel in den ersten Jahren lernen und durch einige tiefgreifende Wechsel ihrer Weltbilder auch wieder verlernen müssen.

Entwicklung heißt neben den körperlichen Aspekten und Fähigkeiten, in aller erster Linie Integration von Neuem. Und neu ist begreiflicherweise viel, für das Kind. Auch so etwas Selbstverständliches, wie der eigene Körper muss vom Kind – und damit von jedem einzelnen von uns – erobert werden, denn der Körper ist zwar das mit dem wir zur Welt kommen oder aus anderer Sicht, das, was wir sind und doch müssen seine Kontrolle, seine Grenzen erfahren und damit erlernt werden.

Integrieren heißt verstehen und verarbeiten können und das ist es, was Entwicklung ausmacht. Immer mehr psychisches Außen um Innen zu machen und in diesem Sinne muss sogar der eigene Körper verinnerlicht werden, zu etwas gemacht werden, das man kennt und kontrollieren kann. Aber nicht nur den eigenen Körper muss man kennen lernen, kurioserweise auch die eigenen Affekte. Man kann sie direkt äußern und zeigt der Welt damit, dass man verärgert oder erfreut ist, aber und das ist ein wichtiger Punkt, man versteht selbst noch nicht, was man da präsentiert. Affekte, die man äußert stoßen einem gewissermaßen zu, ohne dass man etwas daran ändern kann. Affekte sind Antworten auf Reize der „Außenwelt“ aber Außenwelt in einem spezifischen und oft nicht verstandenen Sinn.

Ein kurzer Exkurs: Innen und Außen

Psychisch Inneres und Äußeres ist nicht gleichbedeutend mit Innen und Außen im Sinne der Hautoberfläche. Psychisch Inneres ist das, was man integriert, also kognitiv verstanden und gefühlsmäßig akzeptiert hat. Beides muss nicht zusammen gehen, wie wir gerade bei den Spitzenaffekten sehen werden. Wenn ich weiß, dass mein Körper begrenzt ist und dass es etwas anderes ist am Daumen zu lutschen oder am Kissen, wenn ich weiß, dass Mutter nicht identisch mit mir ist aber weiß, was ich tun muss, damit sie dennoch zu mir kommt dann haben ich das integriert und zur psychischen Innenwelt gemacht.

Die Funktionen meines Herzens, meiner Leber und meines Gehirns, die zuverlässig seit der Geburt ihren Dienst tun, muss ich aber noch längst nicht verstanden und integriert haben, man kann theoretisch sehr alt werden, ohne überhaupt zu wissen, dass man innere Organe besitzt. Verstehen bedeutet also immer auch, etwas zu wissen. In diesem Sinne sind mein Herz und mein Gehirn außen – weil ich sie anfangs nicht verstehe – auch wenn sie innerhalb der eigenen Hautoberfläche sitzen. Körperlich innen, aber bezogen auf die psychische Integration außen.

Und noch verwunderlicher ist es, dass man die eigenen Affekte, die man ja auszudrücken in der Lage ist und damit zeigt und auch noch in der Stimmung ist, die man zeigt, erst einmal sortieren und verstehen muss. Da kommt auf einmal einfach Ärger auf, weil Hunger aufkommt und Mutter nicht zeitig da ist, um den Hunger zu stillen. Und so wie der Ärger gekommen ist verfliegt er dann auch wieder. Der Hunger und der Ärger kommen aus dem eigenen Körper, aber sie ziehen gewissermaßen psychisch an einem vorbei und sind in dem Sinne zufällig, wie ein Hund bellt, eine Tür zuknallt oder ein Radio spielt. Sie sind – noch – außen.

Begriffe: Verstehen, was man fühlt

japanische Mutter mit Kind auf Arm

„Guck mal, da.“ Sie erklärt ihrem Kind, was jetzt passiert. © Toshimasa Ishibashi under cc

Integration heißt verstehen, heißt psychisches Außen zum Innen zu machen. Dabei hilft uns unsere Sprache, die, wie das Affektsystem eine eigenes Kommunikationssystem darstellt. Nun lässt sich eine Sprache nie in eine andere übersetzen, bei Affekten und verbalen Lautäußerungen in Form von Begriffen ist das nicht anders. Für einige Erlebnisse aus dem Reich der Affekte fehlen uns Begriffe und so werden einige psychische Anteile gar nicht verdrängt oder verleugnet, sondern einfach vergessen, wenn man in die Welt der Begriffe eintaucht.

Begriffe sind, genau wie Affekte merkwürdig komplex. Wir denken oft, ein Begriff sei einfach ein Wort, doch das stimmt nicht. Einen Begriff zu haben bedeutet, zu verstehen, was das Wort meint und wie und wann es korrekt – im Sinne der sozialen Gemeinschaft oder Gesellschaft in der man lebt – verwendet. Ein Wort kann man sagen, auch wenn man es nicht verstanden hat. Kinder tun das manchmal, aber auch Papageien. Einen Begriff zu verwenden, heißt, den Kontext verstanden zu haben, heißt, verstanden zu haben, was gemeint ist, was man damit gesagt hat. Der Papagei kann korrekt Wörter und Sätze auswendig lernen, aber er versteht nicht die Bedeutung dessen, was er da sagt, versteht nicht die Bedeutung, die die Begriffe für verstehende Sprachteilnehmer haben. Es ist sozusagen, leeres Gerede. Wenn wir Begriffe verwenden, wollen wir etwas sagen und wissen das auch, ist es bedeutungsvolles Sprechen.

Aber da ist noch etwas, für unser Affektthema Bedeutendes: Einen Begriff zu verwenden, heißt auch eine eigene kognitive Position aufzubauen, heißt seine Umwelt zu verstehen und damit zum Innen zu machen, inklusive der eigenen Affekte. Angst zu haben, ist etwas anderes, als zu wissen, dass man Angst hat. Letzteres baut eine Metaposition zur den eigenen Empfindungen auf. Man ist der Angst, Freude oder Wut nicht mehr nur passiv ausgeliefert sondern versteht auf einmal, dass es Angst, Freude oder Wut sind, die man da empfindet, weil man es gesagt, erklärt, gedeutet bekommt.

Und das ist eine wesentliche Rolle der Umwelt, vor allem der Mutter. Sie bringt dem Kind seine eigenen Affekte nahe, lehrt es zu verstehen, was mit ihm selbst los ist. Denn anders als man denken könnte, hat man zwar die Fähigkeit von Beginn an Affekte auszudrücken und zu erleben, aber man weiß nicht, welche Affekte es sind. Sie kommen über einen, wie Sonnenschein oder ein plötzliches Unwetter, aus einem selbst, ohne dass man es versteht. Und die Mutter nimmt das Kind, versteht, was es hat und sagt ihm, im besten Fall beruhigend und klar: „Du hast Angst.“ Das Kind hat noch immer Angst, aber es kann zum ersten Mal ein kleinen Distanz zu den eigenen Gefühlen aufbauen, indem es nun weiß, dass es Angst hat und Mutter darüber nicht entsetzt ist. Oder, dass es Freude fühlt, albern ist, laut, traurig oder wie auch immer Kinder so sind. Wir müssen durch die Übernahme einer äußeren und bereits vorhandenen Sprache lernen unser Inneres zu verstehen, von dem wir oft denken, es sei unser aller Privatestes, dass nur wir kennen und unser allzeit verfügbarer Ausgangspunkt. Nein, wir müssen es auch unsere Innenwelt erst kennen lernen. Das ist bei ersten Mal schwer zu verstehen.

Affekte, Triebe und Instinkte

Der Mensch ist reich an Affekten, aber arm an Instinkten. Freund differenzierte nach 1915zwischen Trieben und Affekten, vorher sah er sie als weitgehend identisch an. Zunächst waren für Freud die Triebe grundlegend, doch das ändere sich später. Freud unterschied dann Instinkte und Triebe, Instinkte sah er als arttypisch an, Triebe hingegen als hochindividuell. Ab 1923 klafften dann Affekte und Triebe, in Freuds Sicht, immer weiter auseinander.[2] Das wird heute noch so von der Objektbeziehungstheorie gesehen und zwar in der Weise, dass Affekte die Bausteine von Trieben sind.

Die Fähigkeit Affekte zu äußern und mit ihr auf die Umwelt zu reagieren und mit ihr zu kommunizieren ist uns angeboren und die Summe angenehmen Ereignisse und unser Reaktionen darauf wird gebündelt zum Guten, die der unangenehmen Ereignisse, samt unserer Reaktionen, zum Schlechten oder Bösen. Das private Böse/Schlechte versuchen wir fortan zu meiden, das Gute hingegen zu wiederholen. Das sind die ersten Triebe, die Suche nach Lust und die Vermeidung von Unlust. Sehr weit kommt man damit allein nicht, wie Freud bald merken sollten und wir in der ersten Folge der Reihe über Aggressionen darstellten.

Affekte und Beziehungen

Wenn Affekte Kommunikation bedeuten, dann führt uns das zu einem nächsten Element der Affekte. Die Kommunikation bezieht sich nicht nur auf die Erklärung von Affekten, in der Form von: „Du hast Angst“, sondern der Ausdruck von Affekten ist selbst Kommunikation und bedeutet etwas. Wut bedeutet, dass ein Hindernis weg soll, Überraschung hat die Funktion, dass alle laufenden Aktivitäten eingestellt werden: „Das gibt‘s doch nicht!“[3]

Als Kommunikationsmittel stehen die Affekte damit als trennendes und verbindendes Element in der Mitte einer Beziehung zwischen zwei Menschen. Aber es ist eben nicht diese eine Beziehung, sondern es ist eine Summe von vielen Begegnungen mit ihren Affekten, die den anderen in meiner Welt entweder zu einem guten oder bösen Menschen machen. Wenn ich mit einem anderen Menschen oft Spaß und Freude erlebe, ist er ein guter Mensch, weil uns ein positiver Affekt verbindet.

Ein Mensch, vor dem wir uns fürchten, ist eine Beziehung zwischen einem schwachen und ohnmächtigen Selbst und einem starken und mächtigen Anderen/Objekt. Ist die Summe der negativen Affekte im Kontext der Begegnung mit einem anderen groß, wird er unter böses/schlechtes Objekt abgelegt ist die Summe überwiegend gut wird der andere zum guten Objekt. Und nun sind wir in der Nähe des eigentlichen Themas: Spitzenaffekte.

Wenn ich es mit jemandem zu tun habe, der mir viel Freude bereitet, dann verbindet mich mit dem anderen ein Affekte der heiteren Freude in dem der andere als ein fröhlicher Menschen integriert ist, der mit mir, dem erheiterten Selbst in einem Affekt der unbeschwerten Freude verbunden ist. Der andere wird vielleicht als kreativ, schlagfertig, humorvoll und mutig erlebt, auf der anderen Seite steht ein bewunderndes und heiteres Selbst.

Wenn der andere mich quält, ist die Begegnung weniger lustig und dann steht vielleicht ein schwaches, ohnmächtiges, willkürlich behandeltes Selbst, einem mächtigen und sadistischen Objekt gegenüber verbunden durch Affekte der Ohnmacht und auf der Gegenseite des Affekts, der Macht. Der die Beziehung verbindende Affekt hat also zwei Aspekte, in diesem Fall einen mächtigen und einen ohnmächtigen.

Wichtig ist, zu verstehen, dass die gesamte Beziehung, das heißt das Selbstbild, das Bild des anderen und beide Hälften des Affekts in die Psyche des Selbst internalisiert werden. Das zu verstehen, ist bedeutsam, wenn es hinterher um die Frage nach der Heilung geht. (Wir werden das noch mal ausführlich in einem eigenen Beitrag aufgreifen.)

Pathologische Entwicklung

Doch vor der Heilung kommt die Pathologie. Es ist klar geworden, dass es für den Einzelnen gute und böse/schlechte Objekte gibt. Das heißt die Welt teilt sich für uns dualistisch zunächst in nur-gute und nur-böse Objekte auf. Schon in der normalen Entwicklung ist das nicht wirklich gut zu integrieren und so greift das Kind, nach Meinung der meisten Theoretiker zu einem Kunstgriff: Normale Objekte (Personen) sind ambivalent, das heißt, manchmal erfreuen wir uns an ihnen und ein anderes Mal sind wir verärgert.

Kinder können Ambivalenzen aber noch nicht integrieren, genau wie Menschen mit schweren Persönlichkeitsstörungen und beides ist eng verwandt. Dass man sich über jemanden mal freut und ärgert, begreifen Kinder und Menschen mit schweren Persönlichkeitsstörungen gleichermaßen, aber nicht zur gleichen Zeit. Entweder sie sind nur erfreut oder nur verärgert. Im Moment des Ärgers ist also alles, was man an Gutem mit dem anderen erlebt hat, wie ausgelöscht. Affekte sind immer eindeutig. Eine kurze Zeit später kann es sein, dass die Welt des Kindes oder des Kranken wieder vollkommen in Ordnung ist und nichts an den Ärger von eben erinnert. Es soll auch nichts an den Ärger von eben erinnern, der andere ist wieder der idealisierte Mensch und da stören Regenwolken aller Art. So pendeln die Emotionen von Menschen mit schweren Persönlichkeitsstörungen hin und her, zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt.

Und das hat seine Geschichte. Kinder lösen das auf ihre Art. Sie trennen in ihrer Psyche das nur-gut Objekt fein säuberlich vom nur-bösen. Die Theorie will, dass die Wut auf die gute Mutter, die nicht sofort für das bedürftige Kind zur Verfügung steht, so groß wäre, dass das Kind Angst hat sie zu zerstören. Dass das Kind das gar nicht kann, hat es noch nicht gelernt. Insofern schützt es die gute Mutter vor seiner eigenen Wut und projiziert diese auf eine zweite Mutter, die nur-böse. Diese böse Mutter bekommt nun alles ab, was die reale Mutter falsch macht, das Kind kann die böse Mutter so hassen und zerstören wollen und die gute Mutter weiter idealisieren.

Wie gesagt, das ist noch Teil der normalen Entwicklung, die nun, wenn alles gut läuft, so weiter geht, dass das Kind in kleinen Schritten und anhand von Übergangsobjekten und – beziehungen lernt, von der Mutter unabängiger zu werden und vom Kind immer mehr toleriert wird, dass es nur eine Mutter ist, die man gut und mal versagend ist, das erlebt, dass seine eigene Wut die Mutter und die Beziehung zu ihr nicht zerstören kann, dass kurz gesagt von einem idealisierenden und entwertenden Welterleben und einfachen, rohen Affekten immer mehr in eine Welt komplexer und ambivalenten Emotionen eintritt, in der sich Affekte und Kognitionen immer mehr durchdringen.

Das ist eine Welt die zwar einerseits immer komplexer und komplizierter wird, aber andererseits emotionaler ruhiger und gedämpfter, damit aber auch erträglicher wird.

Gut und böse treffen es nicht

Gut und böse reichen nur bedingt aus um diese Welt angemessen zu beschreiben, denn es gibt sozusagen Menschen, die das Böse gut finden und Gutes schwer ertragen können, oder, wie wir schon mal zitierten:

„Die Phänomene des Wiederholungszwangs, die Syndrome des Sadismus und Masochismus, die negative therapeutische Reaktion, Suizid bei schweren Depressionen und, nicht zu vergessen, destruktives und selbstdestruktives Verhalten als Teil von gruppendynamischen Prozessen lassen erkennen, dass Selbstdestruktivität ein zentrales motivationales System darstellt, das zuweilen das gesamte Verhalten beherrscht.“[4]

Bei dieser Vermischung sind bereits Spitzenaffekte im Spiel.

Wann werden Affekte zu Spitzenaffekten?

Bärtiger Mann mit wütendem Gesicht

Ärger und Wut sind häufige Affekte. © Isengardt under cc

Kurz gesagt: Wenn sie nicht integriert werden können. Affekte sind Erlebnisse mit anderen, die einsortiert werden. In die Katergorien von mehr oder weniger wichtig und die allzu belanglosen vergessen wir wieder. Doch manche Erfahrungen sind so überwältigend, dass sie überhaupt nicht verarbeitet werden können, sie sind in gewisser Weise außerhalb jeder Kategorie.

Das Erleben moderater Affekte ist wie das stetige Errichten eines Hauses, langsam, mühsam, wie in dem Kinderlied der fleißigen Handwerker: „Stein auf Stein, Stein auf Stein, das Häuschen wird bald fertig sein.“ Auch hier geht es um den Umbau der affektiven Rohstoffe von Gut und Böse zu einem soliden Haus, in dem man geschützt ist und sich behaglich einrichten kann. Spitzenaffekte sind ein Tornado der durch die Baustelle fegt und im schlimmsten Fall stetiger Wiederholungen alles einreißt, was errichtet wurde oder sogar dafür sorgt, dass nichts errichtet werden kann. Alles liegt in Trümmern vor einem.

Wenn das passiert macht die Psyche etwas an sich sehr geniales. Das Leben muss ja weiter gehen und wenn das neue Haus einfach nicht entstehen will, greift die Psyche auf das zurück, was sie schon kann und errichtet erneut eine vorübergehende Hütte, die allerdings sehr anfällig für Einflüsse vom außenist. Aber, das Konzept ist erprobt und funktioniert, es ist das Konzept von Gut und Böse. Eine Art Notprogramm verglichen mit dem, was möglich wäre, aber auch ein sehr erfolgreiches Notprogramm.

Spitzenaffekte, Traumata und Persönlichkeitsstörungen

Spitzenaffekte sind dann gegeben, wenn das Kind mit Reizen überflutet wird und diesen schutzlos ausgesetzt ist, in dem Sinne, dass das nicht versteht, was vor sich geht und vor allem, wenn es aus eigener Kraft an der Situation nichts ändern kann. Immer wieder in einigen Phasen der Kindheit tauchen solche Eindrücke auf und sind nahezu unvermeidlich. Das können simple Reize von Außen oder aus dem eigenen Körper sein. Das Kind friert oder hat eine schmerzhafte Entzündung. Normalerweise ist es die Aufgabe der Mutter die üblen Reizquellen zu beseitigen und wenn sie das Fenster auch schließen und das Kind beruhigend wiegen kann, so ist sie bei einer hartnäckigen frühen Ohrentzündung ganz einfach machtlos. Chronischer Schmerz wird aber als Versagen der Mutter interpretiert, von der erwartet wird, dass sie zaubern kann und alle Probleme löst. Die Mutter wird dann, ohne, dass sie etwas dazu kann und ohne große Möglichkeit etwas daran zu ändern, zur überwiegend bösen Mutter, das heißt, in der Welt des Kindes taucht öfter die böse Mutter auf, als die gute.

Umso schlimmer ist es, wenn die Spitzenaffekte von der Mutter oder dem nächsten Umfeld selbst ausgelöst werden. Eine der leider realen Möglichkeiten sind physische Aggressionen. Geschüttelte, verbrühte, halb erstickte Kinder von vollkommen überforderten oder schwer desinteressierten Eltern. Der sexuelle Missbrauch, der vor keiner Altersklasse Halt macht. Oder, wenn das Kind schwere Aggression oder große Gefahr in der Umgebung miterlebt. All das sind Spitzenaffekte, in Verbindung mit einem bestimmten Menschen, einer bestimmten Situation, die zu Traumatisierungen führen.

In jungen, aber auch in späteren Jahren, wenn traumatisierende Ereignisse ins Leben eines Menschen einbrechen. Der Begriff Trauma ist in der Psychologie der letzten Zeit leider inflationär verwendet worden, so dass auf einmal alles zum Trauma gemacht wurde, siehe auch unser Artikel über das Lob. Es ist kein Trauma, wenn kein Bier mehr im Kühlschrank ist oder man sich kurz erschreckt. Ein Trauma ist eine als überwältigend erlebte Situation, die man nicht verarbeiten kann, oft mit Lebensgefahr verbunden. Ein schwerer Autounfall, eine Geiselnahme, Kriegserlebnisse, das sind echte Traumata.

Doch es kann auch sein, dass man unter entsetzlichen chronischen Bedingungen aufwächst. Dauernd betrunkene und misshandelnde Eltern, ein sadistischer Heimaufseher, dem man nicht entkommen kann, sexueller Missbrauch über viele Jahre. Das sind die Situationen, in denen kein schützendes Haus errichtet werden kann. Man ist immer und immer wieder Spitzenaffekten ausgesetzt und das geht oft nur auf Kosten von Dissoziationen, in dem Erlebnisse einfach ausgeblendet werden, so als wären sie nie geschehen.

Verpfuschte Objektbeziehungen haben einen starken Einfluss, vermutlich den stärksten auf die Psyche. Dass Spitzenaffekte unter dem Einfluss von Schmerzen, sexuellem Missbrauch, Sadismus und Gewalt zu finden sind, versteht sich von selbst, doch Spitzenaffekte scheinen auch dann schädlich zu sein, wenn sie positiv sind. Das mit „Liebe“ überhäufte Kind, das ständig im Fokus steht und von dessen kleinsten Fortschritten die Welt wissen muss, ist ebenfalls nicht gut dran.

Was ist gesund?

Gemälde von Mutter mit Kind

Was ist noch sicher und umsorgend, wo wird es erdrückend? © Pedro Ribeiro Simões under cc

Das hängt vom Kind ab. Das Temperament ist genetisch fixiert und einige Kinder reagieren deutlich schneller auf Reize als andere. Doch auch die Summe der bisherigen Erfahrungen des Kindes macht etwas aus, seine gesammelten Ressourcen. Wenn das Kind an sich gelassen ist und die Erfahrung gemacht hat, dass eine besonnene Mutter im Regelfall kommt, die gute Mutter der bösen Mutter also bei weitem überlegen ist, sind Spitzenaffekte, die unvermeidbar sind, viel besser wegzustecken, als wenn ein konstitutionell nervöses Kind eine hochgradig besorgte Mutter hat, die das Kind mit Stürmen von Liebe überhäuft, um ihm zu zeigen, dass es alles bekommt, was es braucht. Die in Krisensituationen nicht gelassen reagiert und dem Kind mit ruhiger Stimme seine Umwelt deutet: „Du hast Angst, komm her, das wird schon wieder.“, sondern statt dessen, das verängstigte Kind mit aufgerissenen Augen anstarrt und schreit: „Was ist mit dir, was ist los?“ und es weinend in die Arme nimmt und fast zerdrückt.

Eine gelassene Umgebung ist ideal, aber das Kind kann, wenn es genügend gute oder neutrale Erfahrungen gesammelt hat, auch gelegentliche Spitzenaffekte wegstecken, Unaufgeregtheit ist hier das erste Gebot, nicht der Wunsch alles perfekt zu machen.

Symptome

Wenn es sich um seltene Spitzenaffekte, die zu schweren Traumata wurden, vor allem jenseits der ersten 5 Lebensjahre handelt, finden wir gewöhnlich später die Symptome der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS), für die Traumatherapie angezeigt ist. Der Einfluss chronischer Spitzenaffekte ist der ursächliche Hauptfaktor für das Entstehen schwerer Persönlichkeitsstörungen. Die Psyche wird dann dauerhaft umgebaut, besser gesagt, ihr langsamer und normaler Umbau zu einem sicheren Haus wurde verhindert, zugunsten einer tief sitzenden Spaltung.

Spaltung bedeutet, dass Kognitionen und Emotionen nicht zusammen passen. Spaltung macht eine Orientierung nach zwei Seiten möglich. Entweder man vertraut seinen Gefühlen, auch wenn diese nur momentan sind und Teile einer psychischen Ganzheit. Dafür ist man in der unmittelbaren Begegnung manchmal nahezu hellsichtig. Diese emotionale Hellsichtigkeit ist oft eine Überlebensfunktion. Bei unberechenbaren Eltern, deren scheinbare Gründe wahllos und willkürlich sind, ist es eine gute Strategie nicht auf das zu achten, was sie sagen, sondern ihre Stimmung genau zu erkennen. Der Nachteil ist freilich, dass man bei jeder Abweichung des Empfindens und dem Gesagten, auch später und bei anderen, oft das Schlimmste mutmaßt, man kennt es ja so.

Die andere und häufigere Variante ist, dass man stark auf eigene Regungen schaut, aber blind wird für die Gefühle anderer, deren Komplexität man oft nicht versteht. Man ist noch empathisch genug, um zu berechnen, wie ein anderer wohl reagiert, auch um ihn ausbeuten zu können, aber was er dabei empfindet, interessiert nicht und spielt im eigenen Erleben überhaupt keine Rolle. So kann man blind und hellsichtig, hochintelligent und schwer gestört sein.

Wir setzen ein wenig zu sehr auf die Intelligenz. Diese ist fraglos wichtig und eine Pionierlinie der Entwicklung, das heißt, wo sie stark reduziret ist, wird es mit nahezu allen anderen Entwicklungslinien schwer, manchmal unmöglich, aber Intelligenz allein ist kein Selbstläufer. Wir müssen begreifen, dass es auch Menschen mit hoher bis höchster Intelligenz gibt, die emotional verarmt sind und das ist letztlich ein Nachteil für den Verarmten, selbst wenn er alle anderen an der Nase herum führen kann.

Heilung

Die Diskussionen über die Möglichkeiten von Heilung sind nach meiner Wahrnehmung einigermaßen konfus. Die einen sind euphorisch und meinen, man könne alles heilen, noch eigenartiger ist aber der Trend, ohne Widerspruch zu dulden, darauf zu bestehen, dass bestimmten Erkrankungen nicht zu heilen seien. Zu verstehen ist das in dem Moment, wo Therapie mit einem gewissen Erfolgszwang verbunden ist und der immerhin leidende Mensch durch die Blume gesagt bekommt, er müsse nur wollen, dann würde er auch wieder gesund. So einfach geht es in vielen Fällen freilich nicht, das weiß aber auch jeder, der wenigstens oberflächlichste Kenntnisse auf dem Gebiet besitzt.

Aktuell erleben wir eine Phase des Umbruchs. Ganz allgemein haben wir in den letzten 40 Jahren therapeutisch dramatische Fortschritte gemacht. Schwere Persönlichkeitsstörungen waren damals, vor allem in ihrer Definition und ihrem Umfang, nahezu unbekannt und galten obendrein als therapeutisch kaum erreichbar. Das sieht heute vollkommen anders aus, einige ihrer therapeutischen Prognosen sind gut bis ausgezeichnet. Mitunter scheinen einige Reste zu bleiben, so dass bestimmte Erlebnisse, die sich eingebrannt haben, immer eingebrannt bleiben. Wenn hier keine komplette Heilung möglich ist, so doch eine Linderung durch eine Stabilisierung der Gesamtpersönlichkeit, die man heute immer besser versteht.

Problematisch ist nach wie vor, wenn der Anteil der Aggressionen innerhalb der eigenen Psyche sehr hoch ist, da es in erster Linie erlebte und verinnerlichte Aggressionen sind, die den Aufbau realistischer Beziehungen, von zwei kompletten Menschen, die sich symmetrisch, auf Augenhöhe begegnen, verhindern. Je mehr Aggressionen in der Psyche sind – vor allem bei narzisstischen Persönlichkeitsstörungen, die sich über eine sehr weites Spektrum erstrecken und deren Prognose im leichten und mittleren Spektrum mit fortschreitendem Lebensalter immer besser bis ausgezeichnet wird – desto schlimmer die Prognose. Wir finden also eine gegenläufige Dynamik. Mehr Aggressionen und antisoziale Züge, desto schlimmer, höheres Lebensalter, desto besser. Wenn die Aggressionen die Fähigkeit irgendwelche Beziehungen aufzubauen vollkommen zerstört haben, spricht man von de antisozialen Persönlichkeitsstörung und die Prognose ist Null = unheilbar. Grob kann man auch sagen, je schwerer (weiter unten) die Erkrankungen auf dem Schaubild, desto schlimmer, je weiter oben, desto besser. Wobei angemerkt werden muss, dass sowohl der maligne Narzissmus, als auch die antisoziale PST viel teifer als borderline und schizoid gesetzt werden müsst, eine Auffassung der auch Kernberg zustimmt.

Der gegenwärtige Umbruch führt dazu, dass wir heute eine Reihe therapeutischer Verfahren kennen, die unter Umgehung des Intellekts arbeiten oder bei denen der Intellekt und das Verstehen nur eine untergeordnete Rolle spielt. Traditionell sind wir diesen Verfahren gegenüber eher misstrauisch eingestellt, umso mehr, wenn nicht mal Therapeuten verstehen, warum etwas hilft. Im Lichte der Placeboforschung macht es Sinn, daran zu denken, dass bereits die Vorstellung dass etwas helfen kann, tatsächlich hilft.
Auch imaginative und hypnotherapeutische Verfahren erleben aktuell wieder starken Aufwind. Auch EMDR wirkt recht gut (aber vermutlich nicht aufgrund der Augenbewegungen)[5] und Versuche eine Art Urvertrauen in einer regressiven Umgebung neu herzustellen sind durchaus vielversprechend. TFP scheint als ein Standardverfahren immer effektiver zu werden.

Der an sich als pathologisch geltende Wiederholungszwang kann als Versuch der Reintegration aufgefasst werden. Die Psyche legt sich gewissermaßen immer wieder die zu erledigende Aufgabe vor, will das Haus doch noch errichten. Das heißt auch die Psyche selbst könnte eine Tendenz in Richtung Heilung haben, die man unterstützen kann. Und wenn wir verstehen, dass eine Erziehung die arm an Spitzenaffekten ist, sehr hilfreich ist, können wir auch das in ein Gesamtkonzept mit einbauen. Es gibt deutlich mehr Gründe für Optimismus, als für Pessimismus.

Quellen: