Narzisstische und psychopathische Ideale hinterfragen

Boxkampf

Sport kann strukturieren, integrieren und Energien verbrauchen. © Iamerskeni under cc

Es heißt immer, als einzelner könne man nichts tun. Falsch, man kann jede Menge tun und jeder kann bei sich anfangen. Es ist nur leider sehr bequem und damit verlockend immer wieder zu suggerieren und sich erzählen zu lassen, dass man nichts tun könne. Ein narzisstischer Mehltau in der Gesellschaft, die bequem und oberflächlich ist und mitunter sogar psychopathische Ideale goutiert, statt Psychopathen bloß zu stellen und aus gesellschaftlich relevanten Positionen zu entfernen. Der Bürger ist der Souverän, kein Untertan. Das heißt ja nicht, dass man den Staat und seinen Vertretern mit mangelndem Respekt begegnet, aber eben so, wie man auch anderen Menschen mit Respekt begegnen sollte. Machtmissbrauch, Vetternwirtschaft, Unterdrückung und Sonstiges kann und sollte man radikal anprangern. Die Zeit ist günstig, weil viele Menschen, die Nase gestrichen voll haben, allerdings verfehlt der reine Protest oft zu formulieren, was denn anders laufen soll und wie es laufen soll. Und das kann man ja nachliefern.

Der Zusammenhang zwischen Narzissmus und Psychopathie ist eng. Es sind nur graduelle Unterschiede und wer ein narzisstischen Idealen nacheifert, Leistung, Erfolg und Optimierung um jeden Preis, vor allem auf Kosten von Zusammenhalt, Freundschaft, Sorge, der macht die Situation nicht besser und bereitet den Nährboden für immer regressivere Drehungen nach unten, in der Spirale der Entwicklung. Denn das fördert soziale Kälte, Härte und Gleichgültigkeit.

Michael Stone beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Serienkillern und Psychopathen, auch er macht klar:

„Im Gegensatz dazu sind chronisches oder wiederholtes kriminelles Verhalten und Narzissmus sehr eng, man könnte fast sagen: unauflöslich miteinander verknüpft, insofern als es sich beim Wiederholungstäter oder „Berufskriminellen“ um eine Persönlichkeit handelt, die ganz klar „die erste Geige“ spielen muss. Der Wiederholungstäter kreist um sich selbst und begegnet derjenigen, auf die er es abgesehen hat, mit Gleichgültigkeit.“[16]

Narzissmus muss nicht notwendigerweise mit kriminellem Verhalten einhergehen, aber Kriminalität impliziert sehr wohl Narzissmus, wie Stone und viele andere festhalten. Etwas gegen den Narzissmus zu tun, heißt das Auftreten von Kriminalität zu erschweren und Intensivtätern das Wasser abzugraben, dadurch dass man den Narzissmus in der Gesellschaft und seine möglichen Ursachen thematisiert.

Flexible Lösungen

Die Gesellschaft kann und will nicht alle Menschen aufnehmen. Sie hat ein Recht dazu. Sie kann Menschen auch ausweisen, aber das ist eine extrem schwieriges und zähes Geschäft. Eine pragmatische Lösung ist die freiwillige Rückführung von Menschen, die keine Bleibeperspektive haben, bevor sie zu Straftätern geworden sind. Man zahlt ihnen Rückfahrtickets und ein Startgeld, was zwar Kosten verursacht aber letztlich günstiger ist als zähe Verfahren über viele Monate bis Jahre, mitsamt den unschönen Begleiterscheinungen der ansteigenden Kriminalität bis zum Intensivtäter.[17]

Narzissmus geht immer auch mit sozialer Kälte und Oberflächlichkeit einher. Wenn wir es schaffen, die derzeitige Regression zu überwinden und einiges deutet darauf hin, dass sich eine Rückkehr zu mehr Sorgfalt und Dialog abzeichnet, können wir einige Themen neu verhandeln, gerade auch im Zusammenhang mit neuen Impulsen durch Einwanderung. Viele Machokulturen übertreiben die Männlichkeit, wir haben sogar Tendenzen, die Rolle von Männern etwas ins Lächerliche zu ziehen, bis zur Entwertung, die andere Seite des Übels.

Die Rolle der Religion ist ambivalent. Sie kann Bildung und Aufklärung verhindern, auf der anderen Seite aber Orientierung, Struktur und Perspektiven begünstigen, auch in der Psychologie wird sie inzwischen fundamental neu bewertet.

Strafen müssen sein, jedoch sollte man weiterhin mit Augenmaß strafen, denn Radikalisierung findet oft auch im Knast statt. Religiöse Extremisten oder kriminelle Organisationen verbreiten durch die oben erwähnten Rollenangebote, die sie zur Verfügung stellen, Perspektiven, die der Staat und die Gesellschaft auch anbieten müssen. Das ist an sich kein Problem, weil Europa der Kontinent ist, in dem die Idee stark ist, dass das Individuum der Dreh- und Angelpunkt ist. Die sorgenvolle Investition in Einzelne lohnt sich also und ist uns bekannt, wir müssen den Blick nur darauf richten, weniger Gruppen radikal auszugrenzen und noch ein wenig öfter die Hand zu reichen, freilich zu bestimmten Bedingungen, die einzuhalten sind.

Zum Schluss

Die Kraft der Gesellschaft liegt in ihrer Fähigkeit zur Integration, von integrationswilligen Menschen auf der anderen Seite. Die Gesellschaft hat das Recht klar zu machen, wo die Grenzen sind, doch gerade Deutschland hat immer wieder bewiesen, dass es zur Integration fähig ist, die zu Beginn immer ruckelig verläuft. Integration ist dabei nicht eine Sonderleistung, sondern etwas, was sich ganz natürlich vollzieht, wenn man sich in der Arbeit, beim Sport, in privaten oder Liebesbeziehungen begegnet.

Menschen, die eine Perspektive in Aussicht haben, sind in aller Regel dankbar, friedlich und strengen sich an, um sich in der neuen Welt zurecht zu finden. Nicht für alle wird Deutschland eine neue Heimat werden, aber für viele kann es das und wir können es gut gebrauchen. Mit gutem Willen und gesundem Menschenverstand lassen sich so gut wie immer Lösungen finden.

Intensivtäter sind eine kleine Gruppe von Menschen, die das Bild verzerren und die Diskussionen emotionalisieren. Von Nazis und Nafris und den immer gleichen einpoligen Scheinlösungen zu hören, ist nicht wirklich erfreulich. Diese flachen Versuche zurück zu weisen ist gut, weil man dann Zeit hat, sich auf ernsthafte Lösungen zu konzentrieren. Die Spielwiese zwischen Sozialromantik und Menschenverachtung ist breit. Gegen Intensivtäter kann man durchaus radikal vorgehen, wenn man den Begriff wörtlich nimmt und an die Wurzel dieses Übels geht.

Die Macht der Gesellschaft ist vor allem ihre Besonnenheit und Normalität und die Fähigkeit zur moralischen Ächtung. Die Gesellschaft ist auch eine ausdifferenzierte Maschinerie, die einfach immer weiter geht und sich selten beirren lässt. Man hat sich gefragt, was wohl passiert, wenn auch Deutschland erstmalig Terror erlebt. Es ist so gelaufen wie in vielen anderen Ländern, das Leben geht weiter, einige sind vorsichtiger geworden, andere sagen, jetzt erst recht.

Schrill sind vor allem die Ränder die apokalyptische Szenarien projizieren, doch viele profitieren davon, dass man bei uns noch immer soziale Rollenangebote im Überfluss vorfindet, nehmen diese wahr und füllen sie aus. Diesen Menschen darf man weiterhin viel zutrauen.

Quellen:

  • [1] Bericht zur Polizeilichen Kriminalstatistik 2016, Version 2.0 S. 12-15, online verfügbar unter: https://www.bka.de/DE/AktuelleInformationen/StatistikenLagebilder/PolizeilicheKriminalstatistik/PKS2016/pks2016_node.html;jsessionid=E226F9381D96845C617CE0371966C053.live2301 Lizenz: https://www.govdata.de/dl-de/by-2-0
  • [2] Bericht zur Polizeilichen Kriminalstatistik 2016, Version 2.0 S. 73, online verfügbar unter: https://www.bka.de/DE/AktuelleInformationen/StatistikenLagebilder/PolizeilicheKriminalstatistik/PKS2016/pks2016_node.html;jsessionid=E226F9381D96845C617CE0371966C053.live2301 Lizenz: https://www.govdata.de/dl-de/by-2-0
  • [3] Christian Pfeiffer in der Sendung „Mehr Gewalt in Deutschland – Was sind die Konsequenzen?“ – phoenix Runde vom 25.04.2017, ab 36:40 online unter: https://www.youtube.com/watch?v=YfL4oqj8fpM
  • [4] Christian Pfeiffer in der Sendung „Mehr Gewalt in Deutschland – Was sind die Konsequenzen?“ – phoenix Runde vom 25.04.2017, ab 9:55, online unter: https://www.youtube.com/watch?v=YfL4oqj8fpM
  • [5] Bericht zur Polizeilichen Kriminalstatistik 2016, Version 2.0 S. 79, online verfügbar unter: https://www.bka.de/DE/AktuelleInformationen/StatistikenLagebilder/PolizeilicheKriminalstatistik/PKS2016/pks2016_node.html;jsessionid=E226F9381D96845C617CE0371966C053.live2301 Lizenz: https://www.govdata.de/dl-de/by-2-0
  • [6] Memet Kiliç in der Sendung „Mehr Gewalt in Deutschland – Was sind die Konsequenzen?“ – phoenix Runde vom 25.04.2017, ab 14:50, online unter: https://www.youtube.com/watch?v=YfL4oqj8fpM
  • [7] Bericht zur Polizeilichen Kriminalstatistik 2016, Version 2.0 S. 77, online verfügbar unter: https://www.bka.de/DE/AktuelleInformationen/StatistikenLagebilder/PolizeilicheKriminalstatistik/PKS2016/pks2016_node.html;jsessionid=E226F9381D96845C617CE0371966C053.live2301 Lizenz: https://www.govdata.de/dl-de/by-2-0
  • [8] Bericht zur Polizeilichen Kriminalstatistik 2016, Version 2.0 S. 61, online verfügbar unter: https://www.bka.de/DE/AktuelleInformationen/StatistikenLagebilder/PolizeilicheKriminalstatistik/PKS2016/pks2016_node.html;jsessionid=E226F9381D96845C617CE0371966C053.live2301 Lizenz: https://www.govdata.de/dl-de/by-2-0
  • [9] S. Ullrich und A. Marneros, „Was ist das nur für ein Mensch, der so etwas tun konnte?“, in Cornelia Mussolf, Jens Hoffmann (Hrsg.), TTäterprofile bei Gewaltverbrechen, Springer 2002, S. 260
  • [10] S. Ullrich und A. Marneros, „Was ist das nur für ein Mensch, der so etwas tun konnte?“, in Cornelia Mussolf, Jens Hoffmann (Hrsg.), Täterprofile bei Gewaltverbrechen, Springer 2002, S. 263 – 266
  • [11] S. Ullrich und A. Marneros, „Was ist das nur für ein Mensch, der so etwas tun konnte?“, in Cornelia Mussolf, Jens Hoffmann (Hrsg.), Täterprofile bei Gewaltverbrechen, Springer 2002, S. 269
  • [12] Christian Pfeiffer in der Sendung „Mehr Gewalt in Deutschland – Was sind die Konsequenzen?“ – phoenix Runde vom 25.04.2017, ab 10:30, online unter: https://www.youtube.com/watch?v=YfL4oqj8fpM
  • [13] Christian Pfeiffer in einem t-online Interview, 13.05.2016, 09:45 Uhr | Evelyn Bongiorno-Schielke, t-online.de, online unter: http://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/gesellschaft/id_77823902/kriminologe-pfeiffer-migration-fuehrt-immer-erst-mal-zu-einer-machobedingten-kriminalitaet-.html
  • [14] Andreas Marneros, Blinde Gewalt: Rechtsradikale Gewalttäter und ihre zufälligen Opfer, Scherz 2005, S. 208
  • [15] Andreas Marneros, Blinde Gewalt: Rechtsradikale Gewalttäter und ihre zufälligen Opfer, Scherz 2005, S. 210
  • [16] Michael Stone, Empirische Grundlagen zum Narzissmus, in Otto F. Kernberg und Hans-Peter Hartmann (Hrsg.), Narzissmus: Grundlagen Störungsbilder Therapie, Schattauer 2006, S. 405
  • [17] Christian Pfeiffer in der Sendung „Mehr Gewalt in Deutschland – Was sind die Konsequenzen?“ – phoenix Runde vom 25.04.2017, ab 32:05, online unter: https://www.youtube.com/watch?v=YfL4oqj8fpM